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Thorsten :
Bei der klassischen Besetzung waren ja Hunter und Public 10
Jahre auseinander! Wie klappt sowas?
Rolf :
Stimmt! Olle Hunter war der Stammesälteste! Das hat hervorragend
geklappt! Da muß ich einen kurzen Schwenk zu Hunter machen.
Hunter war natürlich für uns ein Vorbild. Ralf Teuwen war der
eigentliche Bassist. Mit dem habe ich mich aber nie gut
verstanden, muß ich auch ganz ehrlich sagen, rein menschlich
gesehen, weil er immer so eine coole Art hatte, da konnten wir
nicht mit umgehen. Mit Stefan verband mich ein
freundschaftliches Verhältnis. Dann war da ja damals noch der
Piet Worthmann, das war der Rhythmus-Gitarrist, der hinterher
krankheitsbedingt ausscheiden mußte. Also mit Ralf konnte ich
nicht, obwohl wir uns hinterher wieder gut verstanden haben. Das
ging nicht weiter. Der hatte auch nicht so den Biß als Musiker.
Wir hatten 99 % unserer ganzen Freizeit nur mit Musizieren
verbracht. Dazu hatte er keinen Bock. Der hatte so genau sein
Timing beim Proben "von drei bis fünf - Zack" und stellte dann
seine Gitarre ab und war weg. "Wir sind doch mittendrin, laß
weitermachen, super und klasse" - nichts, ging gar nicht. Da
habe ich dann gesagt "keinen Bock mehr mit dem". Er hatte auch
nicht nur so den Spaß mit dem ganzen Rock`n Roll Zirkel. Er hat
ja lange mitgemacht. Und dann ergab es sich, mit Hunter, der
damals schon der richtige Profi war und jahrelang schon bei
Grobschnitt Bassist war und eine Menge Platten eingespielt
hatte. Damals war Hunter DER Topmusiker hier weit und breit. Der
wirklich die Grobschnitt Lehre hinter sich gebracht hat,
schwerste Sachen einspielen mußte und der damals so der
fröhliche enthusiastische Mensch der Bühne war, der sich
präsentieren wollte. Das war genau der Gegenpol zu Ralf Teuwen!
Da der coole, introvertierte der sich zurückgehalten hat und da
einer der "jau - jetzt geht`s los". So einer! Den haben wir
damals abgeworben. Ne, tschuldiung, stimmt ja gar nicht.
Thorsten :
Von den Stripes...
Rolf : ...von
Grobschnitt zu den Stripes gegangen. Genau und dann hat sich
Stefan den mal geschnappt und sich mit ihm unterhalten "Mensch
Hunter willste nicht mal bei uns..." Dann hatten wir 1, 2, 3
Proben und Hunter gefiel das wohl auch "hervorragend, geht gut
los - will ich wohl machen." Das gleiche ist dann so ähnlich mit
Public passiert. Public kannte ich aus einer Rhythm`n Blues
Formation, als wir in Hohenlimburg in der "Göke", da war so ein
altes Fabrikgelände, unseren Übungsraum hatten. Da hatte
Kleinkrieg damals mit Capt`n Horn und dem Rawa Denz einen
Übungsraum auf dem Flur und ich hatte mit "Stainless" einen
Übungsraum. Mußte Dir so vorstellen "Zimmer für Zimmer". Ein
paar Zimmer drunter war Public mit der Rhythm `n Blues Band "Mojo".
Mit einem Bassisten, der mittlerweile Anwalt in Hamburg ist,
Allo Blum am Schlagzeug, der hinterher mein Schlagzeug Roadie
wurde auf der 83er Tour. Ich kannte also den Public, Uli
Ruhwedel, und irgendwann ist dann Piet Wortmann krank geworden,
Beziehungsstreß und Theater und wollte das alles nicht mehr
machen. Der kam auch gar nicht mit dem Streß der damals
herrschte, mit der Ungewißheit, wenn man nicht wußte, was einen
da Abends erwartete und ob man mal wieder nichts verdiente,
zurecht. Ich mache natürlich jetzt hier einen Sprung zurück zu
80, 81, als wir nur mit dem VW-Bus bewaffnet, alles drin, durch
die Lande gezogen sind. Wie gesagt: er wollte das dann nicht
mehr machen und wie es der Zufall wollte, haben wir dann mit
Public geprobt und auf einmal war die Chemie im Raum.
Unterschiedliche Menschen! Das ist ja ganz interessant. Der
spielte ja eine völlig andere Gitarre als Stefan Kleinkrieg. Der
haute ja die völlig harten Rock`n Roll Riffs raus, während
Public die Filigranarbeit machte. Mehr so aus dem Mainstream aus
dem Rhythm`n Blues raus, weil er eben Blueser war. Kleinkrieg
stand nie auf Rhythm`n Blues. Der brachte ganz andere Akzente
rein. Das hört man auch auf der zweiten LP. Bei diesen minimalen
Sachen setzt er immer wunderbar die Akzente wie bei "Polizisten"
oder diese kleinen, aber ganz entscheidenden Dinger rein.
Menschlich kamen wir dann eben auch ganz gut, aber das
faszinierende war, wie Du eben sagtest, dieser Sprung von dem
Stammesältesten, der damals so eben 29 war und Public so gerade
18, 19, der gerade von der Schule kam gleich zu Extrabreit rein.
Ich glaube noch keine Lehre. Stefan und ich hatten ja unsere
Ausbildung gerade zu Ende und für uns war völlig klar: "Musik
jetzt!" Wir hatten uns dann ja sowieso vom Elternhaus abgeseilt,
getrennt, wie das eben so ist. Die konnten das ja nicht
verstehen, wie der Sohn das alles verlassen will, Musiker werden
usw. Wir sahen ja auch relativ wild aus für die damalige Zeit.
Und so ergab es sich, daß diese Konstellation geboren war. Ohne
das wir jetzt wußten... Das war ja noch vor dem Durchbruch! Es
ist aber schon verrückt in der Geschichte so einer Band, das
sich Leute so lange suchen und dann finden und dann in dieser
Konstellation Dinge zusammen schaffen, kreieren, und draußen
sagen sie auf einmal "joh, das sind sie." Ist ja super, wie sich
Sachen so entwickeln.
Thorsten :
...und das ja auch dann nur für eineinhalb Jahre...
Rolf :
Ja, die arbeitsreichste Zeit war so Mitte 1981 bis 1982.
Thorsten :
Dann sind ja 1983 Public und Du wieder ausgestiegen. Man könnte
meinen, daß das an dem finanziellen Desaster der Frühjahrstour
gelegen hat.
Rolf :
Naja, man muß jetzt eben auch die Zeit sehen. Der immense Erfolg
der Band prasselte, ohne darauf vorbereitet zu sein. Wir sind ja
vom VW-Bus, wo wir mit der Anlage dreingesehen haben, für 150
Mark aufgetreten. Wir haben gespielt! Das kann ich alles anhand
meiner Tagebücher nachvollziehen, da habe ich mir die Termine
und auch das was da war, notiert. Diese Entwicklung, die dann
über eineinhalb Jahre stattgefunden hat, wo dann die Band immer
erfolgreicher, erfolgreicher, erfolgreicher wurde und dieser
Erfolgsdruck auch immer größer wurde bedingt durch Plattenfirma
und Berater. Man muß sich vorstellen, wir sind von der
Wehringhauser Szene, von der ganz linken Szene, eine Politband,
die irgendwann mal im Laufe von Monaten zur Nummer eins in
Deutschland wurde. Das kann man fast so sagen, wenn man die
ganzen Bravos und so mal sieht. Titelblätter, Homestorys - der
ganze Quatsch, der da damals so angeflogen kam. Wir wurden
gehyped noch und nöcher!
Thorsten :
Ihr wart aber nie Nummer eins! Die Singles waren so Top 20 und
die Alben etwas besser.
Rolf :
Irgendwo waren wir mal ganz oben. Da war was mit Spliff "Carbonara"
und "Hurra hurra", oder so knapp davor. Wir saßen ja hinterher
zusammen in der Levis Tour mit denen im Bus und immer "Schau mal
hier, wir sind jetzt Platz 6 und Ihr nur Platz 8" oder so. Das
war natürlich riesig erfolgreich, `ne tolle Nummer. Nach dieser
Tour, nach dieser gigantischen Tour, die ja auch einzigartig war
in der damaligen Zeit. Da war ja alles noch in den
Kinderschuhen, was so Videowände anbelangt, was heute so
ziemlich legitim ist. Wir haben damals für die 83er Tour die
Videoanlage gekauft, wir haben die anfertigen lassen! Heute
würdest Du das mieten! Schwachsinn. Hinterher sind die ganzen
Leinwände an Kinos worden, weil ein immenses Geld der ganze
Quatsch gekostet hat. Das war alles noch nicht so ausgereizt,
daß man damals sagen konnte "Hey 100%ig perfekt". Wir haben uns
da sehr mutig auf solche Sachen hinbewegt, das heute kein
anderer aus wir hier in Deutschland gemacht!
Gesagt getan. Auf
jeden Fall ging die Tour los. Sie stand nicht so ganz unter
einem glücklichen Stern. Es gab viele Konzerte, die waren super,
und da waren viele Konzerte, da brach das so einfach in sich
zusammen. Die ganze Zeitgeschichte Neue Deutsche Welle, die dann
kreiert worden ist, von der Industrie damals. Wir haben das ja
nicht erfunden. Wir waren auch nie Neue Deutsche Welle bzw. eine
Band der Neuen Deutschen Welle. Uns gab es Jahre vorher schon,
bevor überhaupt der Begriff NDW kreiert wurde. Wir waren immer
eine deutschsprachige Rockband! Uns kann man nicht vergleichen
mit "Hubert Kah", oder "Frl. Menke" und wie die alle hießen! Es
wurden ja unheimlich viele Sachen auch veröffentlicht, die
inhaltlos waren, die schlecht gemacht wurden, einfach nur des
Veröffentlichen Willens. Da wurde ja unheimlich viel raus
gebracht. Die Industrie war so unheimlich geil darauf, irgendwas
zu veröffentlichen, rauszuwerfen und Hauptsache es bleibt an der
Wand kleben, ein paar 1000 Käufer finden sich schon! Wir haben
ja bei "Komm nach Hagen, werde Popstar" die Stelle "Montag
spielt Dein Tankwart Dir seine neue Maxi-Single vor". Das war ja
auch so Abrechnung mit diesem Overload, was da stattfand. Jetzt
sind wir natürlich so auch in das Fahrwasser da reingerutscht
und 1983, als das wieder abebbte, dieses übergedehnte Neue
Deutsche Welle Gemehre - es gab zuviel davon. Der Markt war
übersättigt. Am besten wir hätten gar nicht gespielt. Wir hätten
ab Weihnachten Ruhe geben sollen. Wir hätten auch gar nicht die
dritte LP veröffentlichen müssen, wenn der Druck nicht so stark
gewesen wäre von der Plattenfirma. Die waren natürlich geil
daran, immer mehr noch zu verkaufen, immer mehr Geld zu
verdienen und und und... Und wir konnten uns irgendwann in
diesem Fahrwasser auch nicht mehr befreien. Du hängst da ja
teilweise auch so wie die Fliege im Spinnennetz. Was ist jetzt
richtig, was ist jetzt falsch. Du hast keinen richtigen Berater
der Dir sagt, "Jungs gibt mal Ruhe". Alle sagen "Ihr seid jetzt
so angesagt, wenn Ihr jetzt weitermacht, dann wird das noch
gigantischer, noch erfolgreicher. Und irgendwann kippte das mal
um, während der Tour, der 83er Tour. Jetzt muß man dazu sagen,
daß wir mit dem dritten Album auch noch so "boah" 170.000 oder
190.000, ich weiß das nicht so genau, Platten verkauft haben.
Das war noch immer noch gigantisch. Aber für uns war das ein
absoluter Flop. Das wäre ungefähr so, als würde Michael Jackson
nicht mehr 40 sondern nur noch 15 Millionen verkaufen würde. Ist
natürlich Schwachsinn. Schlauer wäre gewesen, wenn einer gesagt
hätte "Ruhe, Jungs. Fahrt erst mal in den Urlaub, entspannt
Euch, macht Eure Soloprojekte. Wir treffen uns in einem Jahr
wieder. Wird schon wieder Material komponiert werden, sammelt
das alles erst mal. Aber in dieser Tagespanik, die damals so
herrschte, und auch unserer Hoppe - der Manager - "Oh oh, das
geht nach hinten los. Wir müssen ein völlig neues Konzept, wir
müssen was ganz anderes machen." Das ging so weit, daß der
damalige Tourveranstalter, Name tut hier nichts zur Sache, dem
Kai einredete "Du mußt alleine machen! Du mußt solo machen! Das
mit der Band, das brauchst Du jetzt gar nicht mehr. Du bist
jetzt so angesagt." Also überall wurden Dir völlig falsche
Momente in jeden Kopf gepflanzt, und das resultierte dann dahin,
das wir uns in die Köppe gekriegt haben. "Du bist Schuld!" Da
wurden Schuldige gesucht und es gab gar keinen Schuldigen.
Entweder wir waren alle Schuld oder gar keiner. Es hätte nur
einer richtig auf den Tisch hauen sollen "Ey Jungs, kommt mal
runter! Ruhig Blut - ganz ruhig, wir atmen tief ein ohne Angst,
tut Euch die Ruhe an." Da kriegten wir uns alle in die Köppe. Da
wurden Schuldige gesucht. Da ging es Public ans Leder, dann
ging`s mir ans Leder. Dann gab es Konstellationen - da gab es
nur noch die drei....
Thorsten :
... die dann "Europa" gemacht haben...
Rolf :
... die "Europa" gemacht haben, obwohl wir alle noch die Demos
gemacht haben, für die vierte LP. Die haben wir hier alle
gemacht in der Rockranch. Die haben wir alle zusammengestellt.
Aber es ging nicht mehr. Der Fehler war dann auch, es wurde
falsch musiziert. Sagen wir es mal so, aus der heutigen Sicht,
wurde ein völlig falscher Weg eingeschlagen. Man verließ
eigentlich den Extrabreit-typischen Weg, musikalischen Weg. Das
hört man dann aber auch! Man braucht sich nur "LP der Woche"
anzuhören, "Europa", da wurde experimentiert mit Sounds usw. Der
gemeine Extrabreit Fan, der wollte das gar nicht haben! Der
wollte Extrabreit haben "so richtig los gib ihm..!"
Handgemachtes Zeug eben. Es wurde experimentiert mit
Drumcomputer. Das war damals so chic. Es gibt ja da auch noch so
einen herrlichen Fernsehauftritt mit den Dreien. Da haben die
alle so schwarze Anzüge an, so Smokings. Kai spielt so ein
elektrisches Schlagzeug.
Thorsten :
Das ist auf dem "Wahrheit über Extrabreit-Video" drauf.
Rolf :
Ja, ja. Da sind nur noch die Drei. Hunter, Stefan und Kai und da
spielen die "Tier in Dir" oder so, eben so eine schräge Nummer.
Da steht er so vor so elektronischen Drums. Das habe ich auch
noch irgendwo auf Video. Und da dachte ich mir so "Mensch, das
sind wir doch nicht". Obwohl ich schon gar nicht mehr bei der
Band war habe ich gesagt, "das ist doch nicht mehr Extrabreit".
Das hat ja gar nichts mehr damit zu tun gehabt.
Thorsten :
Ich find die Platten im Nachhinein alle gut, nur damals war ich
auch eher bei der "alten" Musik.
Rolf :
Ja ja. Aus den Erkenntnissen der damaligen Zeit... Die Band
mußte ja weitermachen. Der Rumpf mußte weitermachen, weil es ja
auch noch Verpflichtungen gab! Es gab ja noch einen Vertrag, der
erfüllt werden mußte. Und da wurde jetzt Hals über Kopf, sage
ich mal, viel kreiert und anders experimentiert, als es
vielleicht besser gewesen wäre, für die Band. Aus meiner Sicht
heraus. Jeder, der jetzt in der Phase da drin gewesen ist und
damals vielleicht auch weiter musiziert hat, der sieht das
natürlich wieder aus einer anderen Sicht. Der sagt "wir haben
was gemacht und das war eben unser Zeitgeist! So waren wir eben
drauf." Aber es war eben nicht so glücklich, nennen wir es mal
so. Da sind ein paar interessante Nummern drauf, ohne Frage.
Wenn wir die heute spielen, wir holen uns ja so nach und nach so
alte Sachen heraus und bearbeiten die mit dem Kopf von heute, da
macht das Spaß. Da sind wir unheimlich geil drauf. Wir spielen
ja auch gerade "Das Tier in dir", das pflücken wir gerade
auseinander. Wir werden also nach und nach uns was vornehmen.
"Ruhm" haben wir uns gerade wieder raufgenommen. Wir werden uns
auch andere Sachen so draufschaffen. Das macht natürlich Spaß.
Na gut, heute sind wir ja auch andere Musiker. Wir haben viel
Know-how, wir können ganz anders mit Material umgehen. Heute
kann man Arrangements zerlegen, zerpflücken, neue Teile
reinbauen. Es sitz uns ja keiner im Nacken. Wir können tun und
lassen...
Thorsten :
Ihr habt ja gerade sogar "Hart wie Marmelade" mit dem langsamen
Intro gespielt.
Rolf :
Ja, einfach aus Spaß, weil wir wollen ja erst mal Spaß haben!
Aber damals war es nicht der Spaß, den wir haben wollten,
sondern aus lauter Rücksichtnahme den Elementen da draußen. Den
Faden kannst Du ja weiter spinnen bis "Sex after 3 years" bis zu
einer englisch-sprachigen Platte! Auch diese Platte, da sind
gute Songs drauf! Aber nicht unter dem Namen Extrabreit! Da
hätte die Band auch nicht mehr Extrabreit heißen dürfen sonder
"Superlarge" (lacht). So was. Ich glaube, das haben viele der
damaligen Hardcore Extrabreit Fans nicht verstanden. "Das ist
nicht mehr meine Truppe." Das sind nicht mehr die "Polizisten"-Jungs
oder "Hurra" oder "Flieger". Wir waren ja doch eine gegossene
Einheit. Mit der ersten, zweiten und dritten Platte gehen zwar
auch unterschiedliche Bilder aus aber live kam da was. Das war
glaubwürdig. Das war diese Mischung aus Unterhaltung, aus
Ernsthaftigkeit - Joke, Spaß - und Rock! Und die ganzen
Attitüden. Es wurde hinterher zu experimentell. Das war`s dann
einfach nicht mehr. Ich habe es ja selber auch so empfunden.
"Verdammt noch mal." Als ich damals die ganzen Platten danach
hörte, das berührte mich nicht mehr.
Thorsten :
Dann kam ja 1990 die Wiedervereinigung der bekannte Besetzung.
Rolf :
1989. Da hatte ich ja eine Konzertagentur...
Thorsten :
"Top Sahne"...
Rolf :
"Top Sahne" mit dem damaligen Tourbegleiter Michael Brenner, der
hat sich leider Jahre später umgebracht. Ich habe ja einen ganz
anderen Schritt gemacht. Ich bin ja 1986 nach Grobschnitt
gekommen. Das war klasse - spitzenmäßig, weil die Jungs, die
spielten ja wie die Teufel. Wir haben im Jahr 80 Auftritte
gemacht, oder noch mehr. Da trafen wir manchmal auf Clubs, da
haben die Breiten eine Woche vorher gespielt. Das lief ja alles
nicht mehr so gigantisch bei denen. Jetzt konnte ich aber, weil
ich auf einem ganz anderen Trip war, so Rockshow, Grobschnitt
hat ja dreieinhalb Stunden gespielt, da konnte ich mich als
Musiker so richtig auslassen. Da habe ich auch sehr viel
gelernt, da war ausbildungstechnisch spitzenmäßig. Das konnte
ich genau wie Hunter nachvollziehen. Im Grunde habe ich ja das
Erbe nachgetragen. Von den Musikern, die ich als Idole in den
70ern gehabt habe. Da war natürlich schon ein Phänomen. Du
spielst jetzt die Nummern, die Du als Kiddy gehört hast. 1970!
Eroc, der Dir Deine erste Trommel auch verkauft hat. So eine
Metallsnare - ich bin damals stolz wie Oskar nach Hause
gegangen. Jetzt spielst Du das Werk von denen. Das war natürlich
gigantisch, das war für mich gigantisch. In der Zeit gab es dann
noch eine andere Band, mit Milla Kapolke (Anmerkung: damals auch
Sänger und Bassist bei Grobschnitt) "Green", `ner Cover und
Oldieband, die es heute ja immer noch gibt. Hat auch immer sehr
viel Spaß und wir haben auch sehr viele Auftritte gemacht, so
bei Uni- und Oldiepartys, also immer sehr viel gespielt. Auch
habe ich mich mit Grobschnitt musikalisch weiterentwickelt. Dann
haben die ja 1989 aufgehört hier in Hagen mit "Last Party-Tour".
Thorsten :
Ich habe die Last Party Tour gesehen während meiner
Bundeswehrzeit in Erntebrück!
Rolf :
(Grinst) Ja, ehrlich? Ist ja verrückt. Naja, dann war damit
Feierabend und dann saß ich zuhause und dann dachte ich so
"Extrabreit - was machen denn so meine Jungs?" Das war ja auch
ziemlich tot!
Thorsten :
Das war ja so 3 Jahre nach "Sex after 3 years"!
Rolf :
Da war ja sowieso Ende, da lief gar nichts mehr. So weit ich
mich erinnere, 1989 da gab es keine Liveaktivitäten mehr. Völlig
weg von der Bühne! Und wie es der Zufall so will, da habe ich
Stefan, kannst mich schlagen, bei der Müllabfuhr oder so
getroffen. "Kleinkrieg! Super." Wieder so ein Wink des
Schicksals treffe ich auf den. "Was machste denn so?". "Ah, weiß
ich nicht so. Extrabreit ist auch nichts mehr". Ich "Grobschnitt
ist auch nicht mehr - ist zuende." Jetzt muß ich zu meiner
Schande gestehen, ich habe ohne, daß die Jungs das wußten
einfach mal rumtelefoniert in Deutschland als Veranstalter und
habe so getan, als gäbe es Extrabreit wieder. "Was haltet Ihr
denn davon die Extrabreiten wieder in der Originalbesetzung! Wie
sieht das den aus? Könntet Ihr Euch das vorstellen?!" Und ich
habe so gedacht, die sagen "ach komm bloß weg - keinen Bock auf
so was". Nein, es war überhaupt nicht so. "Mensch, in der
Originalbesetzung, das wäre ja der Hammer. Die alten Lieder und
so..." Da kam mir ein unglaublicher positiver Wind entgegen. Und
da blieb mir ja jetzt gar nichts anderes übrig, weil mir
flatterten über Faxgerät lauter Angeboten mit irgendwelchen
Auftritten. Die Band gab es aber gar nicht - nicht einmal
gespielt und keiner wußte überhaupt was. Jetzt wurde es Zeit,
daß ich die Leute mal kontaktiere. Ich habe die also zu mir
eingeladen in mein Zuhause und gesagt getan, an einem Freitag
abend die Tür ging auf und alle kamen rein. Schweigen! Das war
so ungefähr wie der "Pate". Das Treffen der Dons. Jeder so: "Na
wie geht es so?" "Muß! Danke und selbst." Ich dachte nur
"Scheiße, die Band kriegste im Leben nicht wieder zusammen."
Weil jeder noch so die alten Ressentiments hatte. Man saß jetzt
zum ersten Mal seit Jahren wieder so offen, wie wir beide jetzt
hier sitzen. "Entspannt Euch doch mal! Laß uns doch mal
unterhalten und so." "Warum sind wir denn hier?" "Hm, ja nur so.
Mensch, wir hatten doch tolle Jahre..." Ich wollte, daß die
Stimmung anders wird. So langsam taute dann der eine oder andere
auf und man entdeckte so seine kleinen Geschichten. "Weißte noch
damals?" Hier und da und dann wurde das entspannter. Und dann
mußte ich ja den Zwerg aus dem Sack lassen. Ich sagte so: "Ich
biete jedem 500 DM oder was auch immer fest als Gage, jeden
Abend für 20 Auftritte." Da ich ja wußte, daß Musiker
prinzipiell immer Geld gebrauchen können, egal ob wir viel
verdient haben. Wir haben ja auch viel ausgegeben. Alles
erstarrte! "Wie sieht’s denn aus?" Stefan hatte damals auch
dieses Soloprojekt.
Thorsten :
Mona Liza Overdrive.
Rolf :
Genau! MLO. Mona Liza Overdrive! Stefan: "Ne kann ich nicht,
will ich nicht. Ich mach jetzt hier MLO." Dann der Vorschlag: "Ok
schränken wir das ein auf ein paar Konzerte. Würden wir das
hinkriegen?" Es gab noch kein Ergebnis an dem Abend. Wir haben
es erst mal davon abhängig gemacht, wie wir überhaupt wieder
funktionieren würden. Kann man den Charme, die Energie überhaupt
wiederbeleben? Wir haben uns dann im Übungsraum getroffen und so
auf Zuruf ein paar Nummern gespielt, ganz spontan. Was soll ich
sagen? Es war auf einmal wie 1982! Das ging tierisch ab und
"Jungs, noch Fragen?" Scheinbar haben wir eine gewisse Chemie,
die funktioniert auch nach zig Jahren Trennung irgendwie. Das
ging wohl allen so. Das merkst Du ja auch ob alle beim
Musizieren Spaß an der Backe kriegen und ob positive Vibes im
Raum sind. Jetzt gab es bei dem einen oder anderen aber noch
Verpflichtungen. In Stefans Brust mußten z.B. zwei Herzen
schlagen. Erst das Solo-Projekt und jetzt wieder Extrabreit.
Dann haben wir uns erstmal darauf geeinigt 10, 15. 20 Konzerte
zu machen im Frühjahr 1990.
Was wir nicht
wußten, und das war wieder so ein gigantisches Dingen: Ich saß
da so schön in meinem Keller und hatte die ganzen Verträge von
den ganzen Veranstaltern. Wir hatten ja kein neues Material,
keine neue Optik - nichts. Und dann durch Zufall, da muß man
sich dann vorstellen, wie der Zufall so spielt, rufe ich die
Metronome an, da sagt unserer damalige A & R Mann Oliver Hellwig
"Mensch, wir bringen jetzt im Frühjahr 1990 "Zurück aus der
Zukunft" raus!" Ich sagte "Was ist das denn?" "Ja, so`n Best of
Album von Extrabreit!" Ich sagte "Ihr bringt ein Best of Album
raus? Wie? Wat? Wir haben doch gar kein neues Material?" "Nein,
ist alles von der ersten, zweiten, dritten LP." Das ist ja auch
so zusammengekegelt! "Ihr bringt ein Best of Album raus?" "Euch
gibt es ja nicht mehr!" "Moment, sagte ich. Wir können das
gewerblich unterstützen... Was hältst Du denn jetzt davon, wenn
ich Dir sage, die Originalbesetzung gibt’s wieder und wir wollen
live spielen." Der fiel natürlich hinten rüber und "das ist ja
der Hammer". "Wir wußten ja nicht, daß Du ein Album rausbringst
mit riesen Werbeaufwand. So könnten wir natürlich auch Synergien
schaffen und das alles zusammen machen. Gesagt, getan - schon
kriegte ich Plakate. Dann wurden Fotos gemacht usw. Dann hatten
wir natürlich schon mal einen Fuß in der Tür bei einer
Plattenfirma, die uns ein paar Mark wenigstens vorfinanzierte
für so `ne Tour. Das kostet ja immer alles eine Menge Kohle.
Auch das hat dann funktioniert: die haben ihr Best of Album
rausgebracht und dann überholten sich ja tatsächlich 10 Jahre
später wieder die Dinge. Auf einmal war das Reunion Nummer 2.
Wir treten genau in der alten Besetzung wieder an und der erste
Auftritt war dann in Hannover, wieder in Hannover, in der
Music-Hall. Das ist ein altes Hanomag Werksgelände, wo Panzer
und so gemacht wurden. Eine Riesenhalle! Und in der Halle ist
ein Zelt so Circus-Krone-Bau-mäßig. Da ist ein Zelt in der Halle
aufgebaut, Fassungsvermögen so 3000 oder 4000. Ein riesen Teil!
Das war unser
erster Gig! Ich habe damals dem Veranstalter wegen der Gage so
eine Garantie aus den Armen geleiert, die war auch ok für unsere
damaligen Zeiten. Wir wußten ja gar nicht, was passiert jetzt
eigentlich. Ich war ja so der Meinung, da versammeln sich so ein
paar Altfans, die noch mal die Originalband sehen wollte, so
300, 400. Nach dem Soundcheck komme ich mit Stefan aus der
Garderobe und hören so ein Gemurmel. "Laß uns doch mal gucken."
So was macht ja neugierig... Nachdem wir jetzt so lange nicht
mehr gespielt haben, mal hinter dem Vorhang gucken, wieviel
Leute sich da so versammelt haben. Da waren dann
dreieinhalbtausend Menschen! Ich sagte "Kleinkrieg - guck mal
nach draußen! Die Hütte bricht aus allen Nähten. Was haben wir
jetzt wieder gemacht?" Wir haben nichts neues auf dem Markt, es
gibt nur dieses "Zurück aus der Zukunft". Da waren wirklich 2
Generationen versammelt. Da meinten die Jungen, wir wären ein
ganz neuer Akt, die jetzt "Hurra" und den ganzen Blödsinn jetzt
rausgebracht hätten und eben die alten Fans.
Diese Tour war so
gigantisch, die Veranstalter haben sich das Geld über den Kopf
geschmissen! Du mußt Dir das mal vorstellen. Wir sind davon
ausgegangen, daß da drei-vierhundert kommen und da waren dann
3000. Andern Tag genauso - ich habe die Zahlen alle noch und
auch die Verträge noch. Gigantisch. Gigantische Reunion! Dann
die Überlegung: die Band hatte ja keinen Deal mehr, war ja
Plattenfirma frei, wir waren ungebunden, waren ungezwungen.
Alles war draußen. Wie die Geister so riefen, da kam dann so
nach und nach der Oliver Hellwig von der Metronome und sagte
"Wollt Ihr denn nicht wieder eine Platte machen?" Wir wollten
erst mal spielen waren aber dann doch wieder geil in der
Konstellation zu versuchen neues Material zu erstellen. Das ist
uns dann ja auch geglückt - nee, wir haben dann zuerst noch
dieses Livealbum gemacht... |