Extrabreit - Kurier

Am 14.03.2003 hat Thorsten Knublauch ein über 2 stündiges Interview mit Rolf Möller im Musikcafe Flieger in Hagen geführt. In den nächsten Wochen werden wir das sehr ausführliche und interessante Interview wieder exklusiv in mehreren Teilen an dieser Stelle veröffentlichen. Themenschwerpunkt der ersten Teile wird die Anfangszeit von Extrabreit um 1980/81 sein. Viel Spaß damit! Rolf und Thorsten vielen Dank dafür!

 

*** Interview mit Rolf - Teil 3 ***

Thorsten :
Bei der klassischen Besetzung waren ja Hunter und Public 10 Jahre auseinander! Wie klappt sowas?

Rolf :
Stimmt! Olle Hunter war der Stammesälteste! Das hat hervorragend geklappt! Da muß ich einen kurzen Schwenk zu Hunter machen. Hunter war natürlich für uns ein Vorbild. Ralf Teuwen war der eigentliche Bassist. Mit dem habe ich mich aber nie gut verstanden, muß ich auch ganz ehrlich sagen, rein menschlich gesehen, weil er immer so eine coole Art hatte, da konnten wir nicht mit umgehen. Mit Stefan verband mich ein freundschaftliches Verhältnis. Dann war da ja damals noch der Piet Worthmann, das war der Rhythmus-Gitarrist, der hinterher krankheitsbedingt ausscheiden mußte. Also mit Ralf konnte ich nicht, obwohl wir uns hinterher wieder gut verstanden haben. Das ging nicht weiter. Der hatte auch nicht so den Biß als Musiker. Wir hatten 99 % unserer ganzen Freizeit nur mit Musizieren verbracht. Dazu hatte er keinen Bock. Der hatte so genau sein Timing beim Proben "von drei bis fünf - Zack" und stellte dann seine Gitarre ab und war weg. "Wir sind doch mittendrin, laß weitermachen, super und klasse" - nichts, ging gar nicht. Da habe ich dann gesagt "keinen Bock mehr mit dem". Er hatte auch nicht nur so den Spaß mit dem ganzen Rock`n Roll Zirkel. Er hat ja lange mitgemacht. Und dann ergab es sich, mit Hunter, der damals schon der richtige Profi war und jahrelang schon bei Grobschnitt Bassist war und eine Menge Platten eingespielt hatte. Damals war Hunter DER Topmusiker hier weit und breit. Der wirklich die Grobschnitt Lehre hinter sich gebracht hat, schwerste Sachen einspielen mußte und der damals so der fröhliche enthusiastische Mensch der Bühne war, der sich präsentieren wollte. Das war genau der Gegenpol zu Ralf Teuwen! Da der coole, introvertierte der sich zurückgehalten hat und da einer der "jau - jetzt geht`s los". So einer! Den haben wir damals abgeworben. Ne, tschuldiung, stimmt ja gar nicht.

Thorsten :
Von den Stripes...

Rolf : ...von Grobschnitt zu den Stripes gegangen. Genau und dann hat sich Stefan den mal geschnappt und sich mit ihm unterhalten "Mensch Hunter willste nicht mal bei uns..." Dann hatten wir 1, 2, 3 Proben und Hunter gefiel das wohl auch "hervorragend, geht gut los - will ich wohl machen." Das gleiche ist dann so ähnlich mit Public passiert. Public kannte ich aus einer Rhythm`n Blues Formation, als wir in Hohenlimburg in der "Göke", da war so ein altes Fabrikgelände, unseren Übungsraum hatten. Da hatte Kleinkrieg damals mit Capt`n Horn und dem Rawa Denz einen Übungsraum auf dem Flur und ich hatte mit "Stainless" einen Übungsraum. Mußte Dir so vorstellen "Zimmer für Zimmer". Ein paar Zimmer drunter war Public mit der Rhythm `n Blues Band "Mojo". Mit einem Bassisten, der mittlerweile Anwalt in Hamburg ist, Allo Blum am Schlagzeug, der hinterher mein Schlagzeug Roadie wurde auf der 83er Tour. Ich kannte also den Public, Uli Ruhwedel, und irgendwann ist dann Piet Wortmann krank geworden, Beziehungsstreß und Theater und wollte das alles nicht mehr machen. Der kam auch gar nicht mit dem Streß der damals herrschte, mit der Ungewißheit, wenn man nicht wußte, was einen da Abends erwartete und ob man mal wieder nichts verdiente, zurecht. Ich mache natürlich jetzt hier einen Sprung zurück zu 80, 81, als wir nur mit dem VW-Bus bewaffnet, alles drin, durch die Lande gezogen sind. Wie gesagt: er wollte das dann nicht mehr machen und wie es der Zufall wollte, haben wir dann mit Public geprobt und auf einmal war die Chemie im Raum. Unterschiedliche Menschen! Das ist ja ganz interessant. Der spielte ja eine völlig andere Gitarre als Stefan Kleinkrieg. Der haute ja die völlig harten Rock`n Roll Riffs raus, während Public die Filigranarbeit machte. Mehr so aus dem Mainstream aus dem Rhythm`n Blues raus, weil er eben Blueser war. Kleinkrieg stand nie auf Rhythm`n Blues. Der brachte ganz andere Akzente rein. Das hört man auch auf der zweiten LP. Bei diesen minimalen Sachen setzt er immer wunderbar die Akzente wie bei "Polizisten" oder diese kleinen, aber ganz entscheidenden Dinger rein. Menschlich kamen wir dann eben auch ganz gut, aber das faszinierende war, wie Du eben sagtest, dieser Sprung von dem Stammesältesten, der damals so eben 29 war und Public so gerade 18, 19, der gerade von der Schule kam gleich zu Extrabreit rein. Ich glaube noch keine Lehre. Stefan und ich hatten ja unsere Ausbildung gerade zu Ende und für uns war völlig klar: "Musik jetzt!" Wir hatten uns dann ja sowieso vom Elternhaus abgeseilt, getrennt, wie das eben so ist. Die konnten das ja nicht verstehen, wie der Sohn das alles verlassen will, Musiker werden usw. Wir sahen ja auch relativ wild aus für die damalige Zeit. Und so ergab es sich, daß diese Konstellation geboren war. Ohne das wir jetzt wußten... Das war ja noch vor dem Durchbruch! Es ist aber schon verrückt in der Geschichte so einer Band, das sich Leute so lange suchen und dann finden und dann in dieser Konstellation Dinge zusammen schaffen, kreieren, und draußen sagen sie auf einmal "joh, das sind sie." Ist ja super, wie sich Sachen so entwickeln.

Thorsten :
...und das ja auch dann nur für eineinhalb Jahre...

Rolf :
Ja, die arbeitsreichste Zeit war so Mitte 1981 bis 1982.

Thorsten :
Dann sind ja 1983 Public und Du wieder ausgestiegen. Man könnte meinen, daß das an dem finanziellen Desaster der Frühjahrstour gelegen hat.

Rolf :
Naja, man muß jetzt eben auch die Zeit sehen. Der immense Erfolg der Band prasselte, ohne darauf vorbereitet zu sein. Wir sind ja vom VW-Bus, wo wir mit der Anlage dreingesehen haben, für 150 Mark aufgetreten. Wir haben gespielt! Das kann ich alles anhand meiner Tagebücher nachvollziehen, da habe ich mir die Termine und auch das was da war, notiert. Diese Entwicklung, die dann über eineinhalb Jahre stattgefunden hat, wo dann die Band immer erfolgreicher, erfolgreicher, erfolgreicher wurde und dieser Erfolgsdruck auch immer größer wurde bedingt durch Plattenfirma und Berater. Man muß sich vorstellen, wir sind von der Wehringhauser Szene, von der ganz linken Szene, eine Politband, die irgendwann mal im Laufe von Monaten zur Nummer eins in Deutschland wurde. Das kann man fast so sagen, wenn man die ganzen Bravos und so mal sieht. Titelblätter, Homestorys - der ganze Quatsch, der da damals so angeflogen kam. Wir wurden gehyped noch und nöcher!

Thorsten :
Ihr wart aber nie Nummer eins! Die Singles waren so Top 20 und die Alben etwas besser.

Rolf :
Irgendwo waren wir mal ganz oben. Da war was mit Spliff "Carbonara" und "Hurra hurra", oder so knapp davor. Wir saßen ja hinterher zusammen in der Levis Tour mit denen im Bus und immer "Schau mal hier, wir sind jetzt Platz 6 und Ihr nur Platz 8" oder so. Das war natürlich riesig erfolgreich, `ne tolle Nummer. Nach dieser Tour, nach dieser gigantischen Tour, die ja auch einzigartig war in der damaligen Zeit. Da war ja alles noch in den Kinderschuhen, was so Videowände anbelangt, was heute so ziemlich legitim ist. Wir haben damals für die 83er Tour die Videoanlage gekauft, wir haben die anfertigen lassen! Heute würdest Du das mieten! Schwachsinn. Hinterher sind die ganzen Leinwände an Kinos worden, weil ein immenses Geld der ganze Quatsch gekostet hat. Das war alles noch nicht so ausgereizt, daß man damals sagen konnte "Hey 100%ig perfekt". Wir haben uns da sehr mutig auf solche Sachen hinbewegt, das heute kein anderer aus wir hier in Deutschland gemacht!

Gesagt getan. Auf jeden Fall ging die Tour los. Sie stand nicht so ganz unter einem glücklichen Stern. Es gab viele Konzerte, die waren super, und da waren viele Konzerte, da brach das so einfach in sich zusammen. Die ganze Zeitgeschichte Neue Deutsche Welle, die dann kreiert worden ist, von der Industrie damals. Wir haben das ja nicht erfunden. Wir waren auch nie Neue Deutsche Welle bzw. eine Band der Neuen Deutschen Welle. Uns gab es Jahre vorher schon, bevor überhaupt der Begriff NDW kreiert wurde. Wir waren immer eine deutschsprachige Rockband! Uns kann man nicht vergleichen mit "Hubert Kah", oder "Frl. Menke" und wie die alle hießen! Es wurden ja unheimlich viele Sachen auch veröffentlicht, die inhaltlos waren, die schlecht gemacht wurden, einfach nur des Veröffentlichen Willens. Da wurde ja unheimlich viel raus gebracht. Die Industrie war so unheimlich geil darauf, irgendwas zu veröffentlichen, rauszuwerfen und Hauptsache es bleibt an der Wand kleben, ein paar 1000 Käufer finden sich schon! Wir haben ja bei "Komm nach Hagen, werde Popstar" die Stelle "Montag spielt Dein Tankwart Dir seine neue Maxi-Single vor". Das war ja auch so Abrechnung mit diesem Overload, was da stattfand. Jetzt sind wir natürlich so auch in das Fahrwasser da reingerutscht und 1983, als das wieder abebbte, dieses übergedehnte Neue Deutsche Welle Gemehre - es gab zuviel davon. Der Markt war übersättigt. Am besten wir hätten gar nicht gespielt. Wir hätten ab Weihnachten Ruhe geben sollen. Wir hätten auch gar nicht die dritte LP veröffentlichen müssen, wenn der Druck nicht so stark gewesen wäre von der Plattenfirma. Die waren natürlich geil daran, immer mehr noch zu verkaufen, immer mehr Geld zu verdienen und und und... Und wir konnten uns irgendwann in diesem Fahrwasser auch nicht mehr befreien. Du hängst da ja teilweise auch so wie die Fliege im Spinnennetz. Was ist jetzt richtig, was ist jetzt falsch. Du hast keinen richtigen Berater der Dir sagt, "Jungs gibt mal Ruhe". Alle sagen "Ihr seid jetzt so angesagt, wenn Ihr jetzt weitermacht, dann wird das noch gigantischer, noch erfolgreicher. Und irgendwann kippte das mal um, während der Tour, der 83er Tour. Jetzt muß man dazu sagen, daß wir mit dem dritten Album auch noch so "boah" 170.000 oder 190.000, ich weiß das nicht so genau, Platten verkauft haben. Das war noch immer noch gigantisch. Aber für uns war das ein absoluter Flop. Das wäre ungefähr so, als würde Michael Jackson nicht mehr 40 sondern nur noch 15 Millionen verkaufen würde. Ist natürlich Schwachsinn. Schlauer wäre gewesen, wenn einer gesagt hätte "Ruhe, Jungs. Fahrt erst mal in den Urlaub, entspannt Euch, macht Eure Soloprojekte. Wir treffen uns in einem Jahr wieder. Wird schon wieder Material komponiert werden, sammelt das alles erst mal. Aber in dieser Tagespanik, die damals so herrschte, und auch unserer Hoppe - der Manager - "Oh oh, das geht nach hinten los. Wir müssen ein völlig neues Konzept, wir müssen was ganz anderes machen." Das ging so weit, daß der damalige Tourveranstalter, Name tut hier nichts zur Sache, dem Kai einredete "Du mußt alleine machen! Du mußt solo machen! Das mit der Band, das brauchst Du jetzt gar nicht mehr. Du bist jetzt so angesagt." Also überall wurden Dir völlig falsche Momente in jeden Kopf gepflanzt, und das resultierte dann dahin, das wir uns in die Köppe gekriegt haben. "Du bist Schuld!" Da wurden Schuldige gesucht und es gab gar keinen Schuldigen. Entweder wir waren alle Schuld oder gar keiner. Es hätte nur einer richtig auf den Tisch hauen sollen "Ey Jungs, kommt mal runter! Ruhig Blut - ganz ruhig, wir atmen tief ein ohne Angst, tut Euch die Ruhe an." Da kriegten wir uns alle in die Köppe. Da wurden Schuldige gesucht. Da ging es Public ans Leder, dann ging`s mir ans Leder. Dann gab es Konstellationen - da gab es nur noch die drei....

Thorsten :
... die dann "Europa" gemacht haben...

Rolf :
... die "Europa" gemacht haben, obwohl wir alle noch die Demos gemacht haben, für die vierte LP. Die haben wir hier alle gemacht in der Rockranch. Die haben wir alle zusammengestellt. Aber es ging nicht mehr. Der Fehler war dann auch, es wurde falsch musiziert. Sagen wir es mal so, aus der heutigen Sicht, wurde ein völlig falscher Weg eingeschlagen. Man verließ eigentlich den Extrabreit-typischen Weg, musikalischen Weg. Das hört man dann aber auch! Man braucht sich nur "LP der Woche" anzuhören, "Europa", da wurde experimentiert mit Sounds usw. Der gemeine Extrabreit Fan, der wollte das gar nicht haben! Der wollte Extrabreit haben "so richtig los gib ihm..!" Handgemachtes Zeug eben. Es wurde experimentiert mit Drumcomputer. Das war damals so chic. Es gibt ja da auch noch so einen herrlichen Fernsehauftritt mit den Dreien. Da haben die alle so schwarze Anzüge an, so Smokings. Kai spielt so ein elektrisches Schlagzeug.

Thorsten :
Das ist auf dem "Wahrheit über Extrabreit-Video" drauf.

Rolf :
Ja, ja. Da sind nur noch die Drei. Hunter, Stefan und Kai und da spielen die "Tier in Dir" oder so, eben so eine schräge Nummer. Da steht er so vor so elektronischen Drums. Das habe ich auch noch irgendwo auf Video. Und da dachte ich mir so "Mensch, das sind wir doch nicht". Obwohl ich schon gar nicht mehr bei der Band war habe ich gesagt, "das ist doch nicht mehr Extrabreit". Das hat ja gar nichts mehr damit zu tun gehabt.

Thorsten :
Ich find die Platten im Nachhinein alle gut, nur damals war ich auch eher bei der "alten" Musik.

Rolf :
Ja ja. Aus den Erkenntnissen der damaligen Zeit... Die Band mußte ja weitermachen. Der Rumpf mußte weitermachen, weil es ja auch noch Verpflichtungen gab! Es gab ja noch einen Vertrag, der erfüllt werden mußte. Und da wurde jetzt Hals über Kopf, sage ich mal, viel kreiert und anders experimentiert, als es vielleicht besser gewesen wäre, für die Band. Aus meiner Sicht heraus. Jeder, der jetzt in der Phase da drin gewesen ist und damals vielleicht auch weiter musiziert hat, der sieht das natürlich wieder aus einer anderen Sicht. Der sagt "wir haben was gemacht und das war eben unser Zeitgeist! So waren wir eben drauf." Aber es war eben nicht so glücklich, nennen wir es mal so. Da sind ein paar interessante Nummern drauf, ohne Frage. Wenn wir die heute spielen, wir holen uns ja so nach und nach so alte Sachen heraus und bearbeiten die mit dem Kopf von heute, da macht das Spaß. Da sind wir unheimlich geil drauf. Wir spielen ja auch gerade "Das Tier in dir", das pflücken wir gerade auseinander. Wir werden also nach und nach uns was vornehmen. "Ruhm" haben wir uns gerade wieder raufgenommen. Wir werden uns auch andere Sachen so draufschaffen. Das macht natürlich Spaß. Na gut, heute sind wir ja auch andere Musiker. Wir haben viel Know-how, wir können ganz anders mit Material umgehen. Heute kann man Arrangements zerlegen, zerpflücken, neue Teile reinbauen. Es sitz uns ja keiner im Nacken. Wir können tun und lassen...

Thorsten :
Ihr habt ja gerade sogar "Hart wie Marmelade" mit dem langsamen Intro gespielt.

Rolf :
Ja, einfach aus Spaß, weil wir wollen ja erst mal Spaß haben! Aber damals war es nicht der Spaß, den wir haben wollten, sondern aus lauter Rücksichtnahme den Elementen da draußen. Den Faden kannst Du ja weiter spinnen bis "Sex after 3 years" bis zu einer englisch-sprachigen Platte! Auch diese Platte, da sind gute Songs drauf! Aber nicht unter dem Namen Extrabreit! Da hätte die Band auch nicht mehr Extrabreit heißen dürfen sonder "Superlarge" (lacht). So was. Ich glaube, das haben viele der damaligen Hardcore Extrabreit Fans nicht verstanden. "Das ist nicht mehr meine Truppe." Das sind nicht mehr die "Polizisten"-Jungs oder "Hurra" oder "Flieger". Wir waren ja doch eine gegossene Einheit. Mit der ersten, zweiten und dritten Platte gehen zwar auch unterschiedliche Bilder aus aber live kam da was. Das war glaubwürdig. Das war diese Mischung aus Unterhaltung, aus Ernsthaftigkeit - Joke, Spaß - und Rock! Und die ganzen Attitüden. Es wurde hinterher zu experimentell. Das war`s dann einfach nicht mehr. Ich habe es ja selber auch so empfunden. "Verdammt noch mal." Als ich damals die ganzen Platten danach hörte, das berührte mich nicht mehr.

Thorsten :
Dann kam ja 1990 die Wiedervereinigung der bekannte Besetzung.

Rolf :
1989. Da hatte ich ja eine Konzertagentur...

Thorsten :
"Top Sahne"...

Rolf :
"Top Sahne" mit dem damaligen Tourbegleiter Michael Brenner, der hat sich leider Jahre später umgebracht. Ich habe ja einen ganz anderen Schritt gemacht. Ich bin ja 1986 nach Grobschnitt gekommen. Das war klasse - spitzenmäßig, weil die Jungs, die spielten ja wie die Teufel. Wir haben im Jahr 80 Auftritte gemacht, oder noch mehr. Da trafen wir manchmal auf Clubs, da haben die Breiten eine Woche vorher gespielt. Das lief ja alles nicht mehr so gigantisch bei denen. Jetzt konnte ich aber, weil ich auf einem ganz anderen Trip war, so Rockshow, Grobschnitt hat ja dreieinhalb Stunden gespielt, da konnte ich mich als Musiker so richtig auslassen. Da habe ich auch sehr viel gelernt, da war ausbildungstechnisch spitzenmäßig. Das konnte ich genau wie Hunter nachvollziehen. Im Grunde habe ich ja das Erbe nachgetragen. Von den Musikern, die ich als Idole in den 70ern gehabt habe. Da war natürlich schon ein Phänomen. Du spielst jetzt die Nummern, die Du als Kiddy gehört hast. 1970! Eroc, der Dir Deine erste Trommel auch verkauft hat. So eine Metallsnare - ich bin damals stolz wie Oskar nach Hause gegangen. Jetzt spielst Du das Werk von denen. Das war natürlich gigantisch, das war für mich gigantisch. In der Zeit gab es dann noch eine andere Band, mit Milla Kapolke (Anmerkung: damals auch Sänger und Bassist bei Grobschnitt) "Green", `ner Cover und Oldieband, die es heute ja immer noch gibt. Hat auch immer sehr viel Spaß und wir haben auch sehr viele Auftritte gemacht, so bei Uni- und Oldiepartys, also immer sehr viel gespielt. Auch habe ich mich mit Grobschnitt musikalisch weiterentwickelt. Dann haben die ja 1989 aufgehört hier in Hagen mit "Last Party-Tour".

Thorsten :
Ich habe die Last Party Tour gesehen während meiner Bundeswehrzeit in Erntebrück!

Rolf :
(Grinst) Ja, ehrlich? Ist ja verrückt. Naja, dann war damit Feierabend und dann saß ich zuhause und dann dachte ich so "Extrabreit - was machen denn so meine Jungs?" Das war ja auch ziemlich tot!

Thorsten :
Das war ja so 3 Jahre nach "Sex after 3 years"!

Rolf :
Da war ja sowieso Ende, da lief gar nichts mehr. So weit ich mich erinnere, 1989 da gab es keine Liveaktivitäten mehr. Völlig weg von der Bühne! Und wie es der Zufall so will, da habe ich Stefan, kannst mich schlagen, bei der Müllabfuhr oder so getroffen. "Kleinkrieg! Super." Wieder so ein Wink des Schicksals treffe ich auf den. "Was machste denn so?". "Ah, weiß ich nicht so. Extrabreit ist auch nichts mehr". Ich "Grobschnitt ist auch nicht mehr - ist zuende." Jetzt muß ich zu meiner Schande gestehen, ich habe ohne, daß die Jungs das wußten einfach mal rumtelefoniert in Deutschland als Veranstalter und habe so getan, als gäbe es Extrabreit wieder. "Was haltet Ihr denn davon die Extrabreiten wieder in der Originalbesetzung! Wie sieht das den aus? Könntet Ihr Euch das vorstellen?!" Und ich habe so gedacht, die sagen "ach komm bloß weg - keinen Bock auf so was". Nein, es war überhaupt nicht so. "Mensch, in der Originalbesetzung, das wäre ja der Hammer. Die alten Lieder und so..." Da kam mir ein unglaublicher positiver Wind entgegen. Und da blieb mir ja jetzt gar nichts anderes übrig, weil mir flatterten über Faxgerät lauter Angeboten mit irgendwelchen Auftritten. Die Band gab es aber gar nicht - nicht einmal gespielt und keiner wußte überhaupt was. Jetzt wurde es Zeit, daß ich die Leute mal kontaktiere. Ich habe die also zu mir eingeladen in mein Zuhause und gesagt getan, an einem Freitag abend die Tür ging auf und alle kamen rein. Schweigen! Das war so ungefähr wie der "Pate". Das Treffen der Dons. Jeder so: "Na wie geht es so?" "Muß! Danke und selbst." Ich dachte nur "Scheiße, die Band kriegste im Leben nicht wieder zusammen." Weil jeder noch so die alten Ressentiments hatte. Man saß jetzt zum ersten Mal seit Jahren wieder so offen, wie wir beide jetzt hier sitzen. "Entspannt Euch doch mal! Laß uns doch mal unterhalten und so." "Warum sind wir denn hier?" "Hm, ja nur so. Mensch, wir hatten doch tolle Jahre..." Ich wollte, daß die Stimmung anders wird. So langsam taute dann der eine oder andere auf und man entdeckte so seine kleinen Geschichten. "Weißte noch damals?" Hier und da und dann wurde das entspannter. Und dann mußte ich ja den Zwerg aus dem Sack lassen. Ich sagte so: "Ich biete jedem 500 DM oder was auch immer fest als Gage, jeden Abend für 20 Auftritte." Da ich ja wußte, daß Musiker prinzipiell immer Geld gebrauchen können, egal ob wir viel verdient haben. Wir haben ja auch viel ausgegeben. Alles erstarrte! "Wie sieht’s denn aus?" Stefan hatte damals auch dieses Soloprojekt.

Thorsten :
Mona Liza Overdrive.

Rolf :
Genau! MLO. Mona Liza Overdrive! Stefan: "Ne kann ich nicht, will ich nicht. Ich mach jetzt hier MLO." Dann der Vorschlag: "Ok schränken wir das ein auf ein paar Konzerte. Würden wir das hinkriegen?" Es gab noch kein Ergebnis an dem Abend. Wir haben es erst mal davon abhängig gemacht, wie wir überhaupt wieder funktionieren würden. Kann man den Charme, die Energie überhaupt wiederbeleben? Wir haben uns dann im Übungsraum getroffen und so auf Zuruf ein paar Nummern gespielt, ganz spontan. Was soll ich sagen? Es war auf einmal wie 1982! Das ging tierisch ab und "Jungs, noch Fragen?" Scheinbar haben wir eine gewisse Chemie, die funktioniert auch nach zig Jahren Trennung irgendwie. Das ging wohl allen so. Das merkst Du ja auch ob alle beim Musizieren Spaß an der Backe kriegen und ob positive Vibes im Raum sind. Jetzt gab es bei dem einen oder anderen aber noch Verpflichtungen. In Stefans Brust mußten z.B. zwei Herzen schlagen. Erst das Solo-Projekt und jetzt wieder Extrabreit. Dann haben wir uns erstmal darauf geeinigt 10, 15. 20 Konzerte zu machen im Frühjahr 1990.

Was wir nicht wußten, und das war wieder so ein gigantisches Dingen: Ich saß da so schön in meinem Keller und hatte die ganzen Verträge von den ganzen Veranstaltern. Wir hatten ja kein neues Material, keine neue Optik - nichts. Und dann durch Zufall, da muß man sich dann vorstellen, wie der Zufall so spielt, rufe ich die Metronome an, da sagt unserer damalige A & R Mann Oliver Hellwig "Mensch, wir bringen jetzt im Frühjahr 1990 "Zurück aus der Zukunft" raus!" Ich sagte "Was ist das denn?" "Ja, so`n Best of Album von Extrabreit!" Ich sagte "Ihr bringt ein Best of Album raus? Wie? Wat? Wir haben doch gar kein neues Material?" "Nein, ist alles von der ersten, zweiten, dritten LP." Das ist ja auch so zusammengekegelt! "Ihr bringt ein Best of Album raus?" "Euch gibt es ja nicht mehr!" "Moment, sagte ich. Wir können das gewerblich unterstützen... Was hältst Du denn jetzt davon, wenn ich Dir sage, die Originalbesetzung gibt’s wieder und wir wollen live spielen." Der fiel natürlich hinten rüber und "das ist ja der Hammer". "Wir wußten ja nicht, daß Du ein Album rausbringst mit riesen Werbeaufwand. So könnten wir natürlich auch Synergien schaffen und das alles zusammen machen. Gesagt, getan - schon kriegte ich Plakate. Dann wurden Fotos gemacht usw. Dann hatten wir natürlich schon mal einen Fuß in der Tür bei einer Plattenfirma, die uns ein paar Mark wenigstens vorfinanzierte für so `ne Tour. Das kostet ja immer alles eine Menge Kohle. Auch das hat dann funktioniert: die haben ihr Best of Album rausgebracht und dann überholten sich ja tatsächlich 10 Jahre später wieder die Dinge. Auf einmal war das Reunion Nummer 2. Wir treten genau in der alten Besetzung wieder an und der erste Auftritt war dann in Hannover, wieder in Hannover, in der Music-Hall. Das ist ein altes Hanomag Werksgelände, wo Panzer und so gemacht wurden. Eine Riesenhalle! Und in der Halle ist ein Zelt so Circus-Krone-Bau-mäßig. Da ist ein Zelt in der Halle aufgebaut, Fassungsvermögen so 3000 oder 4000. Ein riesen Teil!

Das war unser erster Gig! Ich habe damals dem Veranstalter wegen der Gage so eine Garantie aus den Armen geleiert, die war auch ok für unsere damaligen Zeiten. Wir wußten ja gar nicht, was passiert jetzt eigentlich. Ich war ja so der Meinung, da versammeln sich so ein paar Altfans, die noch mal die Originalband sehen wollte, so 300, 400. Nach dem Soundcheck komme ich mit Stefan aus der Garderobe und hören so ein Gemurmel. "Laß uns doch mal gucken." So was macht ja neugierig... Nachdem wir jetzt so lange nicht mehr gespielt haben, mal hinter dem Vorhang gucken, wieviel Leute sich da so versammelt haben. Da waren dann dreieinhalbtausend Menschen! Ich sagte "Kleinkrieg - guck mal nach draußen! Die Hütte bricht aus allen Nähten. Was haben wir jetzt wieder gemacht?" Wir haben nichts neues auf dem Markt, es gibt nur dieses "Zurück aus der Zukunft". Da waren wirklich 2 Generationen versammelt. Da meinten die Jungen, wir wären ein ganz neuer Akt, die jetzt "Hurra" und den ganzen Blödsinn jetzt rausgebracht hätten und eben die alten Fans.

Diese Tour war so gigantisch, die Veranstalter haben sich das Geld über den Kopf geschmissen! Du mußt Dir das mal vorstellen. Wir sind davon ausgegangen, daß da drei-vierhundert kommen und da waren dann 3000. Andern Tag genauso - ich habe die Zahlen alle noch und auch die Verträge noch. Gigantisch. Gigantische Reunion! Dann die Überlegung: die Band hatte ja keinen Deal mehr, war ja Plattenfirma frei, wir waren ungebunden, waren ungezwungen. Alles war draußen. Wie die Geister so riefen, da kam dann so nach und nach der Oliver Hellwig von der Metronome und sagte "Wollt Ihr denn nicht wieder eine Platte machen?" Wir wollten erst mal spielen waren aber dann doch wieder geil in der Konstellation zu versuchen neues Material zu erstellen. Das ist uns dann ja auch geglückt - nee, wir haben dann zuerst noch dieses Livealbum gemacht...

Ende Teil 3
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