Extrabreit - Kurier

Gut zwei Jahre nach dem ersten Interview mit Stefan war es endlich soweit. Am 23.04.05 führte Thorsten das letzte fehlende Interview dieser Rubrik mit niemand anderem als Kai Havaii himself. Bei strahlendem Sonnenschein stand Kai Rede und Antwort.
Kai und Thorsten besten Dank für diese interessanten Zeilen !

 

*** Interview mit Kai - Teil 2 ***

Teil 2:

Thorsten: Zu der Hitparaden Sendung. Mit welchem Titel wärt ihr damals aufgetreten?

Kai Havaii: „Hurra hurra die Schule brennt“.

Thorsten: War es im Nachhinein nicht ein Fehler, dort nicht aufzutreten? Ich habe das damals gesehen und nur gedacht „Scheiße, ich will Extrabreit sehen“…

Kai Havaii: Nein, das würde ich nicht sagen. Natürlich hat die Plattenfirma Zeter und Mordio geschrieen, weil das ja eine ziemlich wichtige Sendung gewesen ist. Wir wären aber wirklich die allerersten gewesen aus dieser neuen Musikriege, die da zwischen Tony Marshall, Heino, Rex Gildo und weiß ich nicht aufgetreten wären. Das war uns in der Tat ein bisschen unheimlich, denn wir wussten ja auch und spürten ja auch, dass wir auf einem schmalen Grad wanderten. Wir wurden mit „Hurra hurra die Schule brennt“ in diese Schlagerecke gestellt. Die Leute wussten ja auch gar nicht, dass es ein zwei Jahre altes Stück war, was wieder veröffentlicht wurde. Sondern es gab Leute, die sagten „ja, Polizisten, das war noch ok, das war noch richtig kritisch, aber jetzt springen sie auf den Kommerzzug drauf“. Das wurde uns in manchen Kreisen sehr verübelt. Das haben wir natürlich auch gespürt und hatten das Gefühl, es wäre nicht gut, wenn wir uns jetzt auch als erste in diese Schlagersendung begeben, weil wir einfach auch Angst hatten, dass was Extrabreit ja auch war, gerade auch live, dieses wilde und angepunkte, eben eine richtige Rockband zu sein, dass das dabei untergehen könnte. Deshalb haben wir das abgelehnt. In der Tat zur Wut unserer Plattenfirma und auch zur großen Wut von Dieter-Thomas Heck, denn das ist auch noch nie passiert!

Thorsten: Ihr habt ja Eure berühmten Duette gemacht, die auch jetzt noch in jeder Plattenkritik zu “Frieden” erwähnt wird. War es einfach, die Leute zu kriegen?

Kai Havaii: Ja, es war eigentlich jedes Mal sehr einfach, muß ich sagen. Bei Marianne Rosenberg war es so: Wir waren ja sehr angesagt. Und für sie war es so, dass es ihre Karriere nur transportieren konnte zu diesem Zeitpunkt. Sie wollte von ihrem kleine-Mädchen-Image weg, dieses „Lieber Paul McCartney“ und so und fand das sehr interessant und fand auch diese ganzen NDW-Bands gut. Das ging Ruck-Zuck. Das kostete einen Anruf und schon war große Bereitschaft da. Dann haben wir es vorbereitet in Hiltpoltstein und ich hatte meinen Part schon drauf gesungen und dann sind wir mit dem Band nach Berlin geflogen und haben es dort aufgenommen.

Thorsten: Und bei Juhnke und Knef? Hat da irgendjemand ein Telefonbuch, wo die ganzen Kontaktdaten drin stehen?

Kai Havaii: Ich weiß nicht mehr so genau, wie wir an die Knef rangekommen sind. Sie wohnte damals in München und nach ihr krähte damals auch kein Hahn. Deswegen war es so, dass man ein bisschen recherchieren musste, „wo ist die überhaupt?“. Da ist es aber tatsächlich so gewesen, dass Stefan mit dem Song ankam und meinte, „das würde gut zu uns passen und auch zu Dir“. Da hat er auch in der Tat offene Türen eingerannt, weil ich schon immer ein großer Knef-Verehrer war. Ich hatte ihre Platten und auch ihre Autobiographie und fand sie schon immer außergewöhnlich. Nun hat man sich der Person aber auch anders genähert als Marianne Rosenberg. Bei allem Respekt, aber die Knef war schon ein anderes Denkmal für uns. Wir hatten die Nummer aufgenommen und zuerst nicht an ein Duett gedacht, sondern wir wollten sie einfach nur als Coverversion von uns machen. Wegen der verlaglichen Genehmigung haben wir ihr das Ding natürlich erst mal zukommen lassen und da kam dann das Feedback „Ich will dabei sein!“.

Thorsten: Ihr habt aber nur die alte Aufnahme reingeschnitten.

Kai Havaii: Richtig. Daß das funktioniert hat, das kann ich heute kaum noch glauben! Das war ja komplett fertig das Timing. Man konnte das ja auch damals nicht so einfach digital bearbeiten – das war Ende 1992! Das war gerade in den Anfängen. Und dann hat ein sehr guter Toningenieur, dessen Namen ich nicht mehr weiß, ihre Originalstimme so gut rausgesampelt, da waren ja auch noch Geigen, dass es tatsächlich auf dieses Gitarrenplayback timing mäßig perfekt reinpasste. Das war ein glücklicher Zufall! Das hätte auch anders sein können. Dann hätte man noch mal überlegt, es mit ihr aufzunehmen.

Thorsten: Habt Ihr neben Juhnke und der Knef noch andere gefragt, die womöglich auch abgesagt haben?

Kai Havaii: Da muß ich mal nachdenken… Nein, ich könnte mich jetzt im Moment nicht erinnern. Es ist ja auch so: Das waren drei Duett-Partner und es ist jetzt natürlich sehr schwer jemanden zu finden, mit dem man das jetzt noch toppen könnte. Es ist nicht ausgeschlossen, aber eigentlich müsste es jetzt umgekehrt passieren. Jetzt müssten zu uns die jungen Musiker kommen! Die Perspektive hat sich geändert. Damals waren wir die jungen und die, die alten. Das würde dann mehr Sinn machen, wenn man so eine Kombination fände. 

Thorsten: Wie geht so was dann honorartechnisch? Sagt man einfach Fifty Fifty?

Kai Havaii: Für Hilde war der Fall dann ja ganz klar. Es war ja ihr Lied und es hat ihr dann auch eine Menge gebracht, nicht nur Publicity sondern da flossen dann natürlich auch Tantiemen. Von daher gab es da keine Extragage oder so. Bei Juhnke war das anders. Juhnke hat was bekommen von der BMG.

Thorsten: Habt Ihr Euch nach den Sessions und Video- oder Fernsehproduktionen später noch mal gesehen?

Kai Havaii: Ja, ich habe Hilde später eher zufällig zweimal im Hotel getroffen. Da gab es auch jedes Mal ein großes Hallo, weil wir uns auch wirklich gut verstanden haben und auch gute Unterhaltungen über Dies und Das hatten. Die hat ja auch schon viel erlebt und hatte in ihrem Leben auch viele „schlechte Angewohnheiten“, die hatte ich ja auch gerade hinter mir. Man hatte ja auch über solche Themen manchmal zu reden. Dann war ihr Mann ja auch immer dabei, der Paul, der sehr nett war und mit dem wir uns auch sehr gut verstanden haben... Ja, ich habe sie noch ungefähr zweimal getroffen – einmal glaube ich in München und einmal in Hamburg – im Hotel und das wurde dann auch immer gleich zum Anlaß genommen, noch ein Gläschen Rotwein zusammen zu trinken!

Thorsten: Das hat also beiden auch was gebracht.

Kai Havaii: Ja, hat beiden was gebracht und sie hat auch tatsächlich zu uns gesagt nachdem diese Nummer so gut lief mit „Rote Rosen“ – „Danke Jungs, das habe ich gebraucht!“. Es war ja wirklich so, dass sie dadurch wieder sehr in den Focus der Öffentlichkeit kam und danach sah man sie wieder öfters. Man sah sie im Fernsehen und es standen ja dann auch viele Schlange, um was mit ihr zu machen. Es wurde ja zum Teil auch realisiert. „Rammstein“ haben mit ihr was gemacht. Ja, ja ich glaube es gab eine Version von „Engel“, wo sie mitsingt.

Thorsten: Jetzt mal zu Eurem Liveprogramm. Ihr habt ja wirklich ein Riesenrepertoire von so 160 Titeln. Ein paar Nummern sind vorgegeben, aber wie bildet man so ein Set? Gibt es immer noch Sachen, die Ihr gerne spielen würdet oder sogar welche, die nicht mehr klappen aus welchen Gründen auch immer?

Kai Havaii: Ja, es ist manchmal so, dass man Dinge angeht „Lass uns das mal probieren.“ und man sieht, dass es doch nicht so klappt. Dann sagt man sich eben „Mein Gott, was quälen wir uns jetzt rum – es gibt genug andere, die funktionieren einfacher!“ Aber wir sind natürlich auch bestrebt, einfach um uns auch selber etwas frisch zu halten, so ein Set auch immer wieder so zu verändern, abgesehen von den Grundsäulen – sicher wird „Flieger“ oder „Polizisten“ gespielt – auch immer mal Sachen auszugraben und neu zu beleben. Wir werden jetzt z.B. „Her mit den Abenteuern“ und „Geisterbahn fahrn“ spielen. Das funktioniert wunderbar. Das geht ab wie Schmitz` Katze!

Thorsten: Das ist geil. „Geisterbahn“ habe ich 1990 das letzte Mal gehört und „Abenteuer“ noch nie. Das habt ihr seit 1983 nicht mehr live gespielt, meine ich.

Kai Havaii: Ja, das haben wir ewig nicht mehr gespielt!

Thorsten: Zum aktuellen Album „Frieden“. Das Artwork haut voll rein. Das finde ich so was von toll. War das ein Auftrag, war das eine Idee, irgendwo gesehen?

Kai Havaii: Ich habe irgendwann mal eine wohl gesagt ähnliche Abbildung gesehen. Ähnlich – also ganz anders umgesetzt, aber dieses Motiv ist mir irgendwann mal über den Weg gelaufen. Mag sein im Zusammenhang mit „Body Count“. Das ist ja anders. Das ist ja so gemalt und sieht meiner Ansicht nach ganz harmlos aus. Aber richtig, das ist mir mal über den Weg gelaufen und ging mir dann nicht mehr aus dem Kopf. Nun war das natürlich so, dass kann man nicht so einfach kopieren. Wenn man das macht, dann muß man das auch ganz anders umsetzen, also optisch und grafisch ganz anders umsetzen. Ja, dann hatte ich eben die Idee, dass mal so zu versuchen. Ich habe dann von einem Hamburger Kumpel, eine Colt Gouverment bekommen, so eine echte Waffe. Ganz schweres Gerät, 45er Kaliber, ein sog. Manstopper, egal wo Du triffst – der fällt erst mal um, auch wenn Du nur den Arm triffst. Dann habe ich damit experimentiert. Ich habe das selber mit der Digitalkamera fotografiert. Da ist ja auch das Bild im Booklet und auch auf der Internetseite, wie ich das aufgenommen habe. Ich glaube sogar, ich habe natürlich viele gemacht, es könnte sogar sein, dass es das Originalbild ist. Das hat dann Stefan Schmitz, unser Grafiker, entsprechend bearbeitet, so schwellenwertmäßig und das kam dann dabei raus.

Thorsten: Das Motiv hattest Du ja schon ein Jahr vorher auf T-Shirts und Promofotos drauf gehabt.

Kai Havaii: Richtig! Ja, das Motiv, dass hat schon fasziniert, bevor man endgültig die Idee hatte, dass aufs Cover zu nehmen. Das kam dann wiederum mit dem Titel. Als dann die Titelidee kam, hieß es „Das ist ein guter Kontrast.“ Diese T-Shirts, die haben wir vorher herstellen lassen.

Thorsten: Wer kam denn dann auf die Coverversion von „Zeit macht nur vor dem Teufel halt“?

Kai Havaii: Da kam Stefan mit an, unserer Spezialist für solche Sachen. Ich muß zugeben, ich war zuerst skeptisch, weil ich dachte „ja ja, Coverversion und am Ende wird das dann noch gut und dann schreien wieder alle, das ist die Single“. Tun ja auch einige…

Thorsten: Ich schrei ja auch…

Kai Havaii: Ja, ja, ist ja auch nicht schlecht, wenn es einen gewissen populären Appeal hat. Aber es war nicht ganz einfach, sich der Sache zu nähern, es so hinzukriegen, dass es auch originell ist. Wir haben da schon eine Weile dran rumgebastelt. Eine gewisse Einigkeit herrschte durchaus über den Titel, den fanden wir alle gut, auch die Refrain-Zeile, aber ich habe im Strophentext doch dies oder das geändert. Also so Zeilen wie „sie trennt nicht nur den Dichter und sein Wort“ die kamen mir doch sehr Siebziger und schlagermäßig vor. Das habe ich dann eliminiert. Was uns natürlich auch sehr gefallen hat war die Figur Barry Ryan im Hintergrund. Barry Ryan ist ja nun ein spezieller Kollege gewesen und ich weiß, 1969 als „Eloise“ rausgekommen ist war ich zwölf. Auch schon sehr interessiert an Popmusik, ich hatte schon mit neun angefangen mir Platten zu kaufen, und war schwer begeistert davon. Das war ja auch ziemlich innovativ, dieses orchestrale. Wahnsinnsproduktion! Das gefiel uns natürlich auch noch gut, weil Stefan auch meinte, dass ist die einzige Nummer, die er je in Deutsch gesungen hat.

Thorsten: Das ist nicht ganz richtig. Mindestens die B-Seite ist auch noch in Deutsch. Die stammt von 1972 und war ein Hit. Beim Surfen im Netz habe ich auch gesehen, dass so Leute wie Dieter-Thomas Kuhn, den auch schon gecovert hatten, so als Partymusik.

Kai Havaii: Wirklich? Ja, siehste irgendwo muß das ja geblieben sein. Interessant ist allerdings bei der Nummer, dass es viele gibt, die sie nicht kennen.

Thorsten: Ich kannte sie auch nicht.

Kai Havaii: Ein solcher Riesenhit war es wohl nicht. Aber ich habe im Zusammenhang mit einer Sache, die ich für MME gemacht habe – da ist ja im nächsten Jahr großes 50 Jahre „Bravo“-Jubiläum, Riesenshow natürlich im ZDF mit Thomas Gottschalk – und da habe ich viel für gemacht, so dies und das recherchiert. Da habe ich einen Kollegen im Netz gefunden, der hat so ein Bravo-Charts-Lexikon rausgebracht, der alles ausgewertet hat, Wahnsinn der Typ, 10 Jahre hat er daran gearbeitet, da taucht der Titel in der Musikbox auch auf und war 1972 mal kurz in den Top Ten.

Thorsten: Jetzt hast Du ja den Text verändert aber in den Credits steht jetzt nicht dabei, „Textveränderung: Kai Havaii, sondern das Ding ist gelistet mit dem original Komponistenteam.

Kai Havaii: Ja warum eigentlich? Stimmt!

Thorsten: Bei der „Busted“-Version von „Hurra Hurra die Schule brennt“, da ist doch sicherlich auch der Knilch verzeichnet, der den englischen Text gemacht hat. Hier jetzt nicht. Da steht nicht dabei „Barry Ryan – Kai Havaii“.

Kai Havaii: Mhm. Stimmt. Warum eigentlich? Vielleicht, weil ich diesen operativen Eingriff so betrachtet habe, ich habe ihn ja nicht komplett neu gemacht. Ich habe aber einige Zeilen dort ausgetauscht – eigentlich doch eine ganze Menge. Ja gut, nun war es uns aber am allerwichtigsten problemlos eine Genehmigung des Verlages zu kriegen und das war natürlich so der einfachste Weg. Wenn du dich da rumbalgst um noch ein paar Prozentpünkchen, die eh kaum noch ins Gewicht fallen, monetär, haben wir gesagt „lassen wir es so.“.

Thorsten: Bräuchet Ihr denn eine Genehmigung oder habt Ihr sie beantragt für die Textänderung?

Kai Havaii: Nein, das nicht. Sie haben es aber bekommen. Die haben ein Belegexemplar bekommen und wir haben gesagt „bitte sehr, das ist unsere Version“ – einverstanden oder nicht? Kam so fort ein o.k.!

Thorsten: Wie würdest Du jetzt das Album „Frieden“ bewerten im Vergleich zu anderen Alben?

Kai Havaii: Das ist für mich natürlich nicht so leicht, das zu bewerten. Aber ich habe schon den Eindruck, dass wir da eine Platte gemacht haben, die so von der Dichte und in sich konzentrierter und kompakter ist als das eine oder andere Album, was wir gemacht haben. Das würde ich schon so sehen. Das hat man auch gemerkt an der ganzen Atmosphäre, an der ganzen Arbeitsweise, an der Stimmung untereinander, da habe ich schon den Eindruck, dass es ein gutes Extrabreit-Album geworden ist. Mehr kann ich dazu eigentlich nicht sagen. Alles andere müssen andere beurteilen. Am liebsten würde ich es schon so sehen, dass diese Platte gut ist, aber die nächste ein Meisterwerk werden würde. (lacht) Das wäre mir am liebsten!

Thorsten: Das würde ja dann zumindest die Vision aufmachen, dass man noch eine nächste Platte machen darf!

Kai Havaii: Ja, das hängt natürlich auch selbstverständlich davon ab, wie das Jahr jetzt läuft. Uns ist ja klar, aus verschiedensten Gründen, das es bei uns nicht so ist und das ist auch nicht zu erwarten, dass es bei der VÖ dann einen großen Knall gibt und alle Bescheid wissen und kaufen Extrabreit. Nein, wir müssen lange mit dieser Platte arbeiten. Wir werden viel spielen – wir werden bis Ende des Jahres jede Gelegenheit nutzen, sie ins Bewusstsein zu bringen. Denn man sieht ja: wir spielen jetzt zwar zweieinhalb Jahre, fast drei Jahre wieder, aber Du siehst ja an solchen Postings „Ich habe bei Ebay die LP der Woche ersteigert und kam dann das erste Mal auf die Idee mal im Netz nach Extrabreit zu gucken und siehe da, die gibt`s ja noch!“. Wußte er nicht. So sind die Fakten. Es gibt unwahrscheinlich viele Leute, die es nicht mitbekommen haben, die man vielleicht doch ansprechen könnte. Ich denke, da draußen sind noch mehr „Schläfer“ und da muß man eben beharrlich immer weiter dran basteln.

Thorsten: Ok, dadurch wird man vielleicht noch Käufer gewinnen können, aber eine Hitparadennotierung bekommt man nicht, wenn man über eine langen Zeitraum viele Platten verkauft.

Kai Havaii: Richtig, das ist nun mal so. Warum und wieso und wie das alles kommt und ob das dann gerecht ist, das steht auf einem anderen Blatt. Das sind die Realitäten! Man kann nur staunen über andere Phänomene. Die „Bösen Onkelz“ haben jetzt mit einer Live-Platte „Wir sind Helden“ von Platz eins geschossen! Mal eben so und die finden ja auch nicht in der Öffentlichkeit statt. Das ist aber so eine verschworene Gemeinschaft, die den Looser-Rock feiert…

Thorsten: Die spielen jetzt auch ihr Abschiedskonzert auf einer Rennstrecke im Osten oder so.

Kai Havaii: Unfassbares Phänomen, wo ich auch nicht ohne hin kann, da nicht auch Respekt vor zu haben! Es ist schon unglaublich eine solche Fangemeinde so zusammenzuschweißen! Die gucken ja nicht nach links oder rechts – es gibt die Onkelz und Dankeschön! Das war`s.

Thorsten: Wie ist die Session für die LP abgelaufen? Stefan hat mir mal gesagt, dass die Instrumente nacheinander aufgenommen wurde, also nicht live im Studio alle Mann. Der Zeitraum auf dem Cover ist ja auch fast ein Dreiviertel Jahr.

Kai Havaii: Ja genau. Es war ja auch so, dass wir gar nicht die Möglichkeit hatten, uns groß zu kasernieren also alle Mann hoch nach Hamburg oder Berlin und dann mit Hotel wochenlang da rumhängen. Jeder hat ja auch noch seine anderen Sachen am Laufen und seine Verpflichtungen. Und nachdem wir nun Heiwi gefunden haben, in seinem sehr sehr kargen Kellerstudio – was jetzt eigentlich schon etwas besser aussieht, durch das Geld, was er durch uns verdient hat – war es auch klar, weil die Location dazu nicht geeignet war, das man da zu fünft nun immer gleichzeitig rumhängt. So viel Platz war da gar nicht! Um das ganze eben auch organisatorisch und logistisch hinzukriegen war es dann in der Tat so, dass es oft so war, dass Playbacks aufgenommen wurden und ich dann am Stück kam, so zwei, drei Tage und dann mehrere Sachen so besungen habe. Wir waren also nicht immer alle zusammen im Studio. Schon auch mal und selbstverständlich Stefan und ich oft auch gleichzeitig, man muß da ja auch irgendwo auf den Punkt kommen. Aber das war gar nicht schlecht. Dieses kasernierte, dieser Pfadfinderblues hat zwar auch was aber das hatte auch den Vorteil, es gab keinen Leerlauf. Wenn man dort hinkam wurde immer konzentriert gearbeitet.

Thorsten: Gibt es von der Session noch Outtake-Material? Hättet Ihr noch einen B-Seiten-Titel übrig?

Kai Havaii: Ja, es gibt noch Material. Allerdings muß ich sagen, es gibt noch eine sehr schöne Nummer, ich glaube, dass sie sehr schön ist, die heißt „In der Wüste“ die aber leider einen Fehler hat: Wir haben sie viel zu langsam aufgenommen! D.h. wir müssen sie noch mal aufnehmen! Wir werden natürlich, wenn es zu einer neuen Maxi-CD kommt, darüber werden wir jetzt sprechen in den nächsten Wochen, in aller Ruhe, dann brauchen wir natürlich noch mehr Zeug, da werden wir da natürlich noch was aufnehmen. Wenn man noch mal eine Single macht würde man die auch noch speziell auf Single mischen und bei der Gelegenheit würden wir auch mindestens noch zwei neue Tracks aufnehmen. Weil es muß ja dann auch noch für die Fans, die das Album schon haben, noch ein neuer Anreiz dabei sein!

Thorsten: Da bin ich ja mal gespannt! D.h. ihr werdet Euch jetzt überlegen, was die nächste Single werden könnte?

Kai Havaii: Nein, wir werden überhaupt mal überlegen, in wie weit das ganze Sinn macht eine Single noch zu machen! Das Problem ist ja schon, dass wir auf erheblich Widerstände stoßen. Das liegt oft nicht an den konkreten Titeln. Sondern das liegt daran, dass ein Sender wie Eins Live, der für uns eigentlich ganz interessant wäre, grundsätzlich Extrabreit nicht spielt. Weißt Du, sie müssten uns spielen, wenn wir wirklich groß wären, dann kämen sie gar nicht drum herum. Da sie es aber nicht müssen, halten wir da wieder her – ist so ein Sport: Extrabreit-Bashing! „Was wollen die denn noch?“ Die sagen, dass ist für uns zu alt! WDR 2 und wie sie alle heißen, Sender, die in ein älteres Segment gehen, die sagen „ach das ist aber jetzt ein bisschen hart für uns.“ Weißt Du, wir sitzen traumwandlerisch sicher wieder zwischen allen Stühlen! Und das ist jetzt natürlich das Problem. Wenn man jetzt wieder eine Single macht, dann muß man auch einen Plan haben, wo können wir das überhaupt platzieren? Nur um sie zu machen, damit sie ein paar Fans kaufen, das bringt es nicht. Man müsste erroieren, kann sie überhaupt, wo würde sie überhaupt im Radio gespielt, können wir ein Video machen? Man kann ein Video machen, natürlich auch für wenig Geld, wenn man entsprechende Ideen hat, aber wo läuft das wieder?

Thorsten: Für mich wäre das immer „Zeit“, das bedient vom Schlagerfan bis zum Rammsteinfan alle. Das Forum war ja aber da auch schon geteilt.

Kai Havaii: Ja genau, das ist eine Mitmachnummer, eine Partynummer – Schluß aus! Wir spielen sie ja jetzt auch live und ich glaube, dass funktioniert ganz gut, da werden wir auch wieder sehen, wie das Feedback ist. Natürlich verfolge ich das mit Interesse im Forum, aber Du siehst ja auch schon an der Vielfalt der Meinungen, welche verschiedenen Ansätze es gibt! Die Leute, die sagen: „Ihr müsst was machen, was richtig provoziert!“, die haben ja auch nicht ganz Unrecht! Aber wie gesagt: unser Problem ist, dass wir bei den Medien, speziell beim Rundfunk, keineswegs offene Türen einrennen, egal mit was wir kommen.

Thorsten: Wie sieht es bei Dir aus, wenn Du komponierst? Von was lässt Du Dich leiten? Was ist zuerst da – Text oder Musik?

Kai Havaii: Ja es ist unterschiedlich. Stefan ist ja die ganze Zeit zu Gange. Der macht immer irgendwelche Songideen und Pläne und nimmt sie bei sich dann auf mit Drum-Maschine und ein paar Gitarren drauf und das schickt er mir dann regelmäßig und ich krieg dann immer so einen Fundus. Das gehe ich dann durch und bleibe dann oft bei den Dingen hängen, zu denen mir spontan irgendwas einfällt. Irgendwas zündet dann bei mir was. Dann suche ich mir eine Nummer raus und dann entsteht dann ein Text dazu! So geschehen bei „Ewig singt die Balaleika“. Das ist eine typische Nummer, wo erst die Musik da ist und dann irgendwie ich mir das anhöre und in meinem Kopf was abläuft. Meistens so, dass Worte und Melodie sich bereits ergeben, irgendwie überein kommen. Dann ist zwar der ganze Text noch nicht fertig, aber vielleicht eine Hookline, oder so was. Und es gibt andere Fälle, da ist es dann umgekehrt. „K(ein) Traum“ ist natürlich eine Nummer, die zuerst so in meinem Kopf entstanden ist, dass ich eine Atmosphäre vor Augen hatte. Ein bestimmtes Gefühl, dieses düstere! Und dann setze ich mich ans Keyboard, setze ein bisschen Keyboard da oben drauf, fummle etwas rum und das ist dann eine Nummer, die dann wirklich erst im Studio entstanden ist, vor allem mit dem Schluß. Weil wir haben dann gesagt, „ist ja alles schön und gut aber wo bleibt jetzt die Band?“. Und dann war dann die Idee, „dann kommen wir so richtig am Schluß!“. Das spielen wir jetzt live auch ein bisschen länger, bisschen extended. Das ist jetzt ein Beispiel, wie es auch mal andersrum ist.

Thorsten: Für mich ist jetzt bei dem neuen Album hörbar, wie gut vor allem die Instrumentalparts sind – bei „Psychokiller“ sind sehr viele kleine Bausteine drin. Die Gitarre nach dem Opening klingt so ein bisschen nach „Paradiese City“ von „Guns `n Roses“ usw. Aber auch die Outros bei „Schönes Lied“ oder eben „K(ein) Traum“.

Wer von Euch beiden, also Stefan und Dir, ist jetzt primär für die Gesangsmelodie zuständig?

Kai Havaii: Ja, das bin schon ich. Es ergibt sich. Wenn Stefan mir die Playbacks schickt, ist da ja keine Gesangsmelodie drauf. Ich gehe dann immer dann ganz frisch ran und oft kommt dann dabei was raus, was Stefan auch überrascht „das hätte ich jetzt nicht gedacht, dass Du es jetzt so machst“. Man probiert aus und sieht dann, ob was passt oder nicht. „Psychokiller“ ist auch ein interessantes Beispiel. Da gab es zuerst den Text und ich hatte eine Vorstellung so mehr in Richtung, fast könnte man sagen, maliziöse Ballade, weißt Du, sehr böse aber eigentlich auch sehr leise. Dann hatten wir so rumprobiert und dann hatte ich das Stefan mal so vorgestellt, aber er „ja, ist ja gut und schön aber eigentlich könnte es ja auch so eine Nummer sein“. Ja, vielleicht. Und dann gab es dieses Playback, da hatten wir auch im Studio schon daran gearbeitet und dann dachte ich, ich probiere mal einfach den Text auf die Nummer. Ja, und dann kam das dabei raus. Das war erst nicht so geplant!

Thorsten: Da war ja gerade im Forum diese Kritik aus der Rheinischen Post – wie gehst Du allgemein mit Kritik um, wenn es mal wieder um die Stimme oder das Alter der Band geht oder so.

Kai Havaii: Ja, manches finde ich ganz interessant, manches finde ich auch ganz anregend, aber über vieles muß ich ehrlich gesagt auch nur drüber lachen! Man darf die Dinge auch alle nicht so Ernst nehmen. Gerade bei uns ist es nun mal so, wir haben nicht viel zu verlieren! Wir bemühen uns da wirklich, ganz locker zu bleiben. Gerade was so Hasskritiken gibt, wo es ja auch eine ganze Menge gibt, da muß ich schon sagen, dass hat für mich was komisches! Ich finde das manchmal komisch, wie manche Leute auf Extrabreit reagieren. Man könnte denken, wir haben denen das ganze Leben versaut! (lacht!) Ich versuche das wirklich mit Humor zu nehmen, wobei ich nicht verhehlen möchte, dass es auch die eine oder andere Sache gibt, wo man kurz schluckt und denkt „mmh, das war aber jetzt gemein!“. (lacht) Ja, aber wirklich Ernst nehme ich das nicht! Es gibt wirklich viel ernstere Dinge im Leben! Obwohl wir das ja irgendwie als Beruf auffassen und wirklich was erreichen wollen, aber es gibt wirklich viel ernstere Dinge im Leben als, sage ich mal, ein paar Musikstücke zu machen, und deshalb kann ich mich über so was nicht wirklich aufregen. Ich habe keine schlaflosen Nächte deswegen!

Thorsten: Manches, das mit den alten Säcken oder so ist ja auch nicht sachlich.

Kai Havaii: Nein, auch Textzeilen völlig aus dem Zusammenhang reißen und dann drunter schreiben, „das ist grenz-debil“, das geht nicht.

Thorsten: Bist Du mit den letzten Veröffentlichungen, also den DVDs oder „Frieden“ zufrieden?

Kai Havaii: Mit „Frieden“ bin ich natürlich zufrieden, weil ich weiß, unter welchen Umständen die Platte entstanden ist. Um es mal ganz klar zu sagen: natürlich ist ein besserer Sound denkbar. Natürlich, aber dafür hat die Platte einen eigenen Sound, der ist vielleicht für manche Leute etwas gewöhnungsbedürftig, aber man kann nun nicht sagen, dass es überhaupt keinen Sinn macht und dass es nicht Hand und Fuß hat. Aber ich könnte mir natürlich vorstellen, wenn es mal dazu kommt, dass wir eine neue Platte machen, dass wir da natürlich versuchen auf eine bisschen anderen Standard zu kommen. Mit der DVD bin ich ehrlich gesagt auch nur sehr eingeschränkt zufrieden. Ich kann nicht sagen, dass ich damit zufrieden bin. Ich finde den Sound zwar gut, aber ich finde die Kameraarbeit zum Teil überhaupt nicht gut. Das waren doch in Hamburg doch eher Leute, die ganze Art und Weise wie da rangegangen wurde, erinnert mich doch eher an Rockpalast aus den Siebzigern. Da ist mir zu wenig Bewegung drin, zu wenig interessante Einstellungen, zuwenig Closeups und solche Sachen. Ich meine, die Mädels, die das in Dortmund geschnitten haben, die haben sich alle Mühe gegeben, die haben wirklich versucht, dass beste draus zu machen, damit das ganze auch ein wenig Tempo hat. Aber ich denke mal, das ist auch grundsätzlich, so wie das ganze aufgezogen war ist es von der Kameraarbeit und von der Regie nicht wirklich befriedigend. Da wäre man, glaube ich, der ganzen Sache mehr gerecht geworden, wenn man auch nur mit drei oder vier DV-Kameras in einem Club gedreht hatte. Da hätte man mehr Atmosphäre bekommen als dadurch. Ich denke, da ist absolut noch Luft nach oben. Ob wir da in der Richtung noch mal was machen, weiß ich nicht, aber wenn, dann sähe das anders aus.

Thorsten: Die DVD lebt von den Einspielern aus Hagen. Die machen noch viel aus!

Kai Havaii: Ja, genau!

Ende Teil 2

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