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Teil 2:
Thorsten:
Zu der Hitparaden Sendung. Mit welchem Titel wärt ihr damals
aufgetreten?
Kai Havaii:
„Hurra hurra die Schule brennt“.
Thorsten:
War es im Nachhinein nicht ein Fehler, dort nicht aufzutreten?
Ich habe das damals gesehen und nur gedacht „Scheiße, ich will
Extrabreit sehen“…
Kai Havaii:
Nein, das würde ich nicht sagen. Natürlich hat die Plattenfirma
Zeter und Mordio geschrieen, weil das ja eine ziemlich wichtige
Sendung gewesen ist. Wir wären aber wirklich die allerersten
gewesen aus dieser neuen Musikriege, die da zwischen Tony
Marshall, Heino, Rex Gildo und weiß ich nicht aufgetreten wären.
Das war uns in der Tat ein bisschen unheimlich, denn wir wussten
ja auch und spürten ja auch, dass wir auf einem schmalen Grad
wanderten. Wir wurden mit „Hurra hurra die Schule brennt“ in
diese Schlagerecke gestellt. Die Leute wussten ja auch gar
nicht, dass es ein zwei Jahre altes Stück war, was wieder
veröffentlicht wurde. Sondern es gab Leute, die sagten „ja,
Polizisten, das war noch ok, das war noch richtig kritisch, aber
jetzt springen sie auf den Kommerzzug drauf“. Das wurde uns in
manchen Kreisen sehr verübelt. Das haben wir natürlich auch
gespürt und hatten das Gefühl, es wäre nicht gut, wenn wir uns
jetzt auch als erste in diese Schlagersendung begeben, weil wir
einfach auch Angst hatten, dass was Extrabreit ja auch war,
gerade auch live, dieses wilde und angepunkte, eben eine
richtige Rockband zu sein, dass das dabei untergehen könnte.
Deshalb haben wir das abgelehnt. In der Tat zur Wut unserer
Plattenfirma und auch zur großen Wut von Dieter-Thomas Heck,
denn das ist auch noch nie passiert!
Thorsten:
Ihr habt ja Eure berühmten Duette gemacht, die auch jetzt noch
in jeder Plattenkritik zu “Frieden” erwähnt wird. War es
einfach, die Leute zu kriegen?
Kai Havaii:
Ja, es war eigentlich jedes Mal sehr einfach, muß ich sagen. Bei
Marianne Rosenberg war es so: Wir waren ja sehr angesagt. Und
für sie war es so, dass es ihre Karriere nur transportieren
konnte zu diesem Zeitpunkt. Sie wollte von ihrem
kleine-Mädchen-Image weg, dieses „Lieber Paul McCartney“ und so
und fand das sehr interessant und fand auch diese ganzen
NDW-Bands gut. Das ging Ruck-Zuck. Das kostete einen Anruf und
schon war große Bereitschaft da. Dann haben wir es vorbereitet
in Hiltpoltstein und ich hatte meinen Part schon drauf gesungen
und dann sind wir mit dem Band nach Berlin geflogen und haben es
dort aufgenommen.
Thorsten:
Und bei Juhnke und Knef? Hat da irgendjemand ein Telefonbuch, wo
die ganzen Kontaktdaten drin stehen?
Kai Havaii:
Ich weiß nicht mehr so genau, wie wir an die Knef rangekommen
sind. Sie wohnte damals in München und nach ihr krähte damals
auch kein Hahn. Deswegen war es so, dass man ein bisschen
recherchieren musste, „wo ist die überhaupt?“. Da ist es aber
tatsächlich so gewesen, dass Stefan mit dem Song ankam und
meinte, „das würde gut zu uns passen und auch zu Dir“. Da hat er
auch in der Tat offene Türen eingerannt, weil ich schon immer
ein großer Knef-Verehrer war. Ich hatte ihre Platten und auch
ihre Autobiographie und fand sie schon immer außergewöhnlich.
Nun hat man sich der Person aber auch anders genähert als
Marianne Rosenberg. Bei allem Respekt, aber die Knef war schon
ein anderes Denkmal für uns. Wir hatten die Nummer aufgenommen
und zuerst nicht an ein Duett gedacht, sondern wir wollten sie
einfach nur als Coverversion von uns machen. Wegen der
verlaglichen Genehmigung haben wir ihr das Ding natürlich erst
mal zukommen lassen und da kam dann das Feedback „Ich will dabei
sein!“.
Thorsten:
Ihr habt aber nur die alte Aufnahme reingeschnitten.
Kai Havaii:
Richtig. Daß das funktioniert hat, das kann ich heute kaum noch
glauben! Das war ja komplett fertig das Timing. Man konnte das
ja auch damals nicht so einfach digital bearbeiten – das war
Ende 1992! Das war gerade in den Anfängen. Und dann hat ein sehr
guter Toningenieur, dessen Namen ich nicht mehr weiß, ihre
Originalstimme so gut rausgesampelt, da waren ja auch noch
Geigen, dass es tatsächlich auf dieses Gitarrenplayback timing
mäßig perfekt reinpasste. Das war ein glücklicher Zufall! Das
hätte auch anders sein können. Dann hätte man noch mal überlegt,
es mit ihr aufzunehmen.
Thorsten:
Habt Ihr neben Juhnke und der Knef noch andere gefragt, die
womöglich auch abgesagt haben?
Kai Havaii:
Da muß ich mal nachdenken… Nein, ich könnte mich jetzt im Moment
nicht erinnern. Es ist ja auch so: Das waren drei Duett-Partner
und es ist jetzt natürlich sehr schwer jemanden zu finden, mit
dem man das jetzt noch toppen könnte. Es ist nicht
ausgeschlossen, aber eigentlich müsste es jetzt umgekehrt
passieren. Jetzt müssten zu uns die jungen Musiker kommen! Die
Perspektive hat sich geändert. Damals waren wir die jungen und
die, die alten. Das würde dann mehr Sinn machen, wenn man so
eine Kombination fände.
Thorsten:
Wie geht so was dann honorartechnisch? Sagt man einfach Fifty
Fifty?
Kai Havaii:
Für Hilde war der Fall dann ja ganz klar. Es war ja ihr Lied und
es hat ihr dann auch eine Menge gebracht, nicht nur Publicity
sondern da flossen dann natürlich auch Tantiemen. Von daher gab
es da keine Extragage oder so. Bei Juhnke war das anders. Juhnke
hat was bekommen von der BMG.
Thorsten:
Habt Ihr Euch nach den Sessions und Video- oder
Fernsehproduktionen später noch mal gesehen?
Kai Havaii:
Ja, ich habe Hilde später eher zufällig zweimal im Hotel
getroffen. Da gab es auch jedes Mal ein großes Hallo, weil wir
uns auch wirklich gut verstanden haben und auch gute
Unterhaltungen über Dies und Das hatten. Die hat ja auch schon
viel erlebt und hatte in ihrem Leben auch viele „schlechte
Angewohnheiten“, die hatte ich ja auch gerade hinter mir. Man
hatte ja auch über solche Themen manchmal zu reden. Dann war ihr
Mann ja auch immer dabei, der Paul, der sehr nett war und mit
dem wir uns auch sehr gut verstanden haben... Ja, ich habe sie
noch ungefähr zweimal getroffen – einmal glaube ich in München
und einmal in Hamburg – im Hotel und das wurde dann auch immer
gleich zum Anlaß genommen, noch ein Gläschen Rotwein zusammen zu
trinken!
Thorsten:
Das hat also beiden auch was gebracht.
Kai Havaii:
Ja, hat beiden was gebracht und sie hat auch tatsächlich zu uns
gesagt nachdem diese Nummer so gut lief mit „Rote Rosen“ –
„Danke Jungs, das habe ich gebraucht!“. Es war ja wirklich so,
dass sie dadurch wieder sehr in den Focus der Öffentlichkeit kam
und danach sah man sie wieder öfters. Man sah sie im Fernsehen
und es standen ja dann auch viele Schlange, um was mit ihr zu
machen. Es wurde ja zum Teil auch realisiert. „Rammstein“ haben
mit ihr was gemacht. Ja, ja ich glaube es gab eine Version von
„Engel“, wo sie mitsingt.
Thorsten:
Jetzt mal zu Eurem Liveprogramm. Ihr habt ja wirklich ein
Riesenrepertoire von so 160 Titeln. Ein paar Nummern sind
vorgegeben, aber wie bildet man so ein Set? Gibt es immer noch
Sachen, die Ihr gerne spielen würdet oder sogar welche, die
nicht mehr klappen aus welchen Gründen auch immer?
Kai Havaii:
Ja, es ist manchmal so, dass man Dinge angeht „Lass uns das mal
probieren.“ und man sieht, dass es doch nicht so klappt. Dann
sagt man sich eben „Mein Gott, was quälen wir uns jetzt rum – es
gibt genug andere, die funktionieren einfacher!“ Aber wir sind
natürlich auch bestrebt, einfach um uns auch selber etwas frisch
zu halten, so ein Set auch immer wieder so zu verändern,
abgesehen von den Grundsäulen – sicher wird „Flieger“ oder
„Polizisten“ gespielt – auch immer mal Sachen auszugraben und
neu zu beleben. Wir werden jetzt z.B. „Her mit den Abenteuern“
und „Geisterbahn fahrn“ spielen. Das funktioniert wunderbar. Das
geht ab wie Schmitz` Katze!
Thorsten:
Das ist geil. „Geisterbahn“ habe ich 1990 das letzte Mal gehört
und „Abenteuer“ noch nie. Das habt ihr seit 1983 nicht mehr live
gespielt, meine ich.
Kai Havaii:
Ja, das haben wir ewig nicht mehr gespielt!
Thorsten:
Zum aktuellen Album „Frieden“. Das Artwork haut voll rein. Das
finde ich so was von toll. War das ein Auftrag, war das eine
Idee, irgendwo gesehen?
Kai Havaii:
Ich habe irgendwann mal eine wohl gesagt ähnliche Abbildung
gesehen. Ähnlich – also ganz anders umgesetzt, aber dieses Motiv
ist mir irgendwann mal über den Weg gelaufen. Mag sein im
Zusammenhang mit „Body Count“. Das ist ja anders. Das ist ja so
gemalt und sieht meiner Ansicht nach ganz harmlos aus. Aber
richtig, das ist mir mal über den Weg gelaufen und ging mir dann
nicht mehr aus dem Kopf. Nun war das natürlich so, dass kann man
nicht so einfach kopieren. Wenn man das macht, dann muß man das
auch ganz anders umsetzen, also optisch und grafisch ganz anders
umsetzen. Ja, dann hatte ich eben die Idee, dass mal so zu
versuchen. Ich habe dann von einem Hamburger Kumpel, eine Colt
Gouverment bekommen, so eine echte Waffe. Ganz schweres Gerät,
45er Kaliber, ein sog. Manstopper, egal wo Du triffst – der
fällt erst mal um, auch wenn Du nur den Arm triffst. Dann habe
ich damit experimentiert. Ich habe das selber mit der
Digitalkamera fotografiert. Da ist ja auch das Bild im Booklet
und auch auf der Internetseite, wie ich das aufgenommen habe.
Ich glaube sogar, ich habe natürlich viele gemacht, es könnte
sogar sein, dass es das Originalbild ist. Das hat dann Stefan
Schmitz, unser Grafiker, entsprechend bearbeitet, so
schwellenwertmäßig und das kam dann dabei raus.
Thorsten:
Das Motiv hattest Du ja schon ein Jahr vorher auf T-Shirts und
Promofotos drauf gehabt.
Kai Havaii:
Richtig! Ja, das Motiv, dass hat schon fasziniert, bevor man
endgültig die Idee hatte, dass aufs Cover zu nehmen. Das kam
dann wiederum mit dem Titel. Als dann die Titelidee kam, hieß es
„Das ist ein guter Kontrast.“ Diese T-Shirts, die haben wir
vorher herstellen lassen.
Thorsten:
Wer kam denn dann auf die Coverversion von „Zeit macht nur vor
dem Teufel halt“?
Kai Havaii:
Da kam Stefan mit an, unserer Spezialist für solche Sachen. Ich
muß zugeben, ich war zuerst skeptisch, weil ich dachte „ja ja,
Coverversion und am Ende wird das dann noch gut und dann
schreien wieder alle, das ist die Single“. Tun ja auch einige…
Thorsten:
Ich schrei ja auch…
Kai Havaii:
Ja, ja, ist ja auch nicht schlecht, wenn es einen gewissen
populären Appeal hat. Aber es war nicht ganz einfach, sich der
Sache zu nähern, es so hinzukriegen, dass es auch originell ist.
Wir haben da schon eine Weile dran rumgebastelt. Eine gewisse
Einigkeit herrschte durchaus über den Titel, den fanden wir alle
gut, auch die Refrain-Zeile, aber ich habe im Strophentext doch
dies oder das geändert. Also so Zeilen wie „sie trennt nicht nur
den Dichter und sein Wort“ die kamen mir doch sehr Siebziger und
schlagermäßig vor. Das habe ich dann eliminiert. Was uns
natürlich auch sehr gefallen hat war die Figur Barry Ryan im
Hintergrund. Barry Ryan ist ja nun ein spezieller Kollege
gewesen und ich weiß, 1969 als „Eloise“ rausgekommen ist war ich
zwölf. Auch schon sehr interessiert an Popmusik, ich hatte schon
mit neun angefangen mir Platten zu kaufen, und war schwer
begeistert davon. Das war ja auch ziemlich innovativ, dieses
orchestrale. Wahnsinnsproduktion! Das gefiel uns natürlich auch
noch gut, weil Stefan auch meinte, dass ist die einzige Nummer,
die er je in Deutsch gesungen hat.
Thorsten:
Das ist nicht ganz richtig. Mindestens die B-Seite ist auch noch
in Deutsch. Die stammt von 1972 und war ein Hit. Beim Surfen im
Netz habe ich auch gesehen, dass so Leute wie Dieter-Thomas
Kuhn, den auch schon gecovert hatten, so als Partymusik.
Kai Havaii:
Wirklich? Ja, siehste irgendwo muß das ja geblieben sein.
Interessant ist allerdings bei der Nummer, dass es viele gibt,
die sie nicht kennen.
Thorsten:
Ich kannte sie auch nicht.
Kai Havaii:
Ein solcher Riesenhit war es wohl nicht. Aber ich habe im
Zusammenhang mit einer Sache, die ich für MME gemacht habe – da
ist ja im nächsten Jahr großes 50 Jahre „Bravo“-Jubiläum,
Riesenshow natürlich im ZDF mit Thomas Gottschalk – und da habe
ich viel für gemacht, so dies und das recherchiert. Da habe ich
einen Kollegen im Netz gefunden, der hat so ein
Bravo-Charts-Lexikon rausgebracht, der alles ausgewertet hat,
Wahnsinn der Typ, 10 Jahre hat er daran gearbeitet, da taucht
der Titel in der Musikbox auch auf und war 1972 mal kurz in den
Top Ten.
Thorsten:
Jetzt hast Du ja den Text verändert aber in den Credits steht
jetzt nicht dabei, „Textveränderung: Kai Havaii, sondern das
Ding ist gelistet mit dem original Komponistenteam.
Kai Havaii:
Ja warum eigentlich? Stimmt!
Thorsten:
Bei der „Busted“-Version von „Hurra Hurra die Schule brennt“, da
ist doch sicherlich auch der Knilch verzeichnet, der den
englischen Text gemacht hat. Hier jetzt nicht. Da steht nicht
dabei „Barry Ryan – Kai Havaii“.
Kai Havaii:
Mhm. Stimmt. Warum eigentlich? Vielleicht, weil ich diesen
operativen Eingriff so betrachtet habe, ich habe ihn ja nicht
komplett neu gemacht. Ich habe aber einige Zeilen dort
ausgetauscht – eigentlich doch eine ganze Menge. Ja gut, nun war
es uns aber am allerwichtigsten problemlos eine Genehmigung des
Verlages zu kriegen und das war natürlich so der einfachste Weg.
Wenn du dich da rumbalgst um noch ein paar Prozentpünkchen, die
eh kaum noch ins Gewicht fallen, monetär, haben wir gesagt
„lassen wir es so.“.
Thorsten:
Bräuchet Ihr denn eine Genehmigung oder habt Ihr sie beantragt
für die Textänderung?
Kai Havaii:
Nein, das nicht. Sie haben es aber bekommen. Die haben ein
Belegexemplar bekommen und wir haben gesagt „bitte sehr, das ist
unsere Version“ – einverstanden oder nicht? Kam so fort ein o.k.!
Thorsten:
Wie würdest Du jetzt das Album „Frieden“ bewerten im Vergleich
zu anderen Alben?
Kai Havaii:
Das ist für mich natürlich nicht so leicht, das zu bewerten.
Aber ich habe schon den Eindruck, dass wir da eine Platte
gemacht haben, die so von der Dichte und in sich konzentrierter
und kompakter ist als das eine oder andere Album, was wir
gemacht haben. Das würde ich schon so sehen. Das hat man auch
gemerkt an der ganzen Atmosphäre, an der ganzen Arbeitsweise, an
der Stimmung untereinander, da habe ich schon den Eindruck, dass
es ein gutes Extrabreit-Album geworden ist. Mehr kann ich dazu
eigentlich nicht sagen. Alles andere müssen andere beurteilen.
Am liebsten würde ich es schon so sehen, dass diese Platte gut
ist, aber die nächste ein Meisterwerk werden würde. (lacht) Das
wäre mir am liebsten!
Thorsten:
Das würde ja dann zumindest die Vision aufmachen, dass man noch
eine nächste Platte machen darf!
Kai Havaii:
Ja, das hängt natürlich auch selbstverständlich davon ab, wie
das Jahr jetzt läuft. Uns ist ja klar, aus verschiedensten
Gründen, das es bei uns nicht so ist und das ist auch nicht zu
erwarten, dass es bei der VÖ dann einen großen Knall gibt und
alle Bescheid wissen und kaufen Extrabreit. Nein, wir müssen
lange mit dieser Platte arbeiten. Wir werden viel spielen – wir
werden bis Ende des Jahres jede Gelegenheit nutzen, sie ins
Bewusstsein zu bringen. Denn man sieht ja: wir spielen jetzt
zwar zweieinhalb Jahre, fast drei Jahre wieder, aber Du siehst
ja an solchen Postings „Ich habe bei Ebay die LP der Woche
ersteigert und kam dann das erste Mal auf die Idee mal im Netz
nach Extrabreit zu gucken und siehe da, die gibt`s ja noch!“.
Wußte er nicht. So sind die Fakten. Es gibt unwahrscheinlich
viele Leute, die es nicht mitbekommen haben, die man vielleicht
doch ansprechen könnte. Ich denke, da draußen sind noch mehr
„Schläfer“ und da muß man eben beharrlich immer weiter dran
basteln.
Thorsten:
Ok, dadurch wird man vielleicht noch Käufer gewinnen können,
aber eine Hitparadennotierung bekommt man nicht, wenn man über
eine langen Zeitraum viele Platten verkauft.
Kai Havaii:
Richtig, das ist nun mal so. Warum und wieso und wie das alles
kommt und ob das dann gerecht ist, das steht auf einem anderen
Blatt. Das sind die Realitäten! Man kann nur staunen über andere
Phänomene. Die „Bösen Onkelz“ haben jetzt mit einer Live-Platte
„Wir sind Helden“ von Platz eins geschossen! Mal eben so und die
finden ja auch nicht in der Öffentlichkeit statt. Das ist aber
so eine verschworene Gemeinschaft, die den Looser-Rock feiert…
Thorsten:
Die spielen jetzt auch ihr Abschiedskonzert auf einer
Rennstrecke im Osten oder so.
Kai Havaii:
Unfassbares Phänomen, wo ich auch nicht ohne hin kann, da nicht
auch Respekt vor zu haben! Es ist schon unglaublich eine solche
Fangemeinde so zusammenzuschweißen! Die gucken ja nicht nach
links oder rechts – es gibt die Onkelz und Dankeschön! Das war`s.
Thorsten:
Wie ist die Session für die LP abgelaufen? Stefan hat mir mal
gesagt, dass die Instrumente nacheinander aufgenommen wurde,
also nicht live im Studio alle Mann. Der Zeitraum auf dem Cover
ist ja auch fast ein Dreiviertel Jahr.
Kai Havaii:
Ja genau. Es war ja auch so, dass wir gar nicht die Möglichkeit
hatten, uns groß zu kasernieren also alle Mann hoch nach Hamburg
oder Berlin und dann mit Hotel wochenlang da rumhängen. Jeder
hat ja auch noch seine anderen Sachen am Laufen und seine
Verpflichtungen. Und nachdem wir nun Heiwi gefunden haben, in
seinem sehr sehr kargen Kellerstudio – was jetzt eigentlich
schon etwas besser aussieht, durch das Geld, was er durch uns
verdient hat – war es auch klar, weil die Location dazu nicht
geeignet war, das man da zu fünft nun immer gleichzeitig
rumhängt. So viel Platz war da gar nicht! Um das ganze eben auch
organisatorisch und logistisch hinzukriegen war es dann in der
Tat so, dass es oft so war, dass Playbacks aufgenommen wurden
und ich dann am Stück kam, so zwei, drei Tage und dann mehrere
Sachen so besungen habe. Wir waren also nicht immer alle
zusammen im Studio. Schon auch mal und selbstverständlich Stefan
und ich oft auch gleichzeitig, man muß da ja auch irgendwo auf
den Punkt kommen. Aber das war gar nicht schlecht. Dieses
kasernierte, dieser Pfadfinderblues hat zwar auch was aber das
hatte auch den Vorteil, es gab keinen Leerlauf. Wenn man dort
hinkam wurde immer konzentriert gearbeitet.
Thorsten:
Gibt es von der Session noch Outtake-Material? Hättet Ihr noch
einen B-Seiten-Titel übrig?
Kai Havaii:
Ja, es gibt noch Material. Allerdings muß ich sagen, es gibt
noch eine sehr schöne Nummer, ich glaube, dass sie sehr schön
ist, die heißt „In der Wüste“ die aber leider einen Fehler hat:
Wir haben sie viel zu langsam aufgenommen! D.h. wir müssen sie
noch mal aufnehmen! Wir werden natürlich, wenn es zu einer neuen
Maxi-CD kommt, darüber werden wir jetzt sprechen in den nächsten
Wochen, in aller Ruhe, dann brauchen wir natürlich noch mehr
Zeug, da werden wir da natürlich noch was aufnehmen. Wenn man
noch mal eine Single macht würde man die auch noch speziell auf
Single mischen und bei der Gelegenheit würden wir auch
mindestens noch zwei neue Tracks aufnehmen. Weil es muß ja dann
auch noch für die Fans, die das Album schon haben, noch ein
neuer Anreiz dabei sein!
Thorsten:
Da bin ich ja mal gespannt! D.h. ihr werdet Euch jetzt
überlegen, was die nächste Single werden könnte?
Kai Havaii:
Nein, wir werden überhaupt mal überlegen, in wie weit das ganze
Sinn macht eine Single noch zu machen! Das Problem ist ja schon,
dass wir auf erheblich Widerstände stoßen. Das liegt oft nicht
an den konkreten Titeln. Sondern das liegt daran, dass ein
Sender wie Eins Live, der für uns eigentlich ganz interessant
wäre, grundsätzlich Extrabreit nicht spielt. Weißt Du, sie
müssten uns spielen, wenn wir wirklich groß wären, dann kämen
sie gar nicht drum herum. Da sie es aber nicht müssen, halten
wir da wieder her – ist so ein Sport: Extrabreit-Bashing! „Was
wollen die denn noch?“ Die sagen, dass ist für uns zu alt! WDR 2
und wie sie alle heißen, Sender, die in ein älteres Segment
gehen, die sagen „ach das ist aber jetzt ein bisschen hart für
uns.“ Weißt Du, wir sitzen traumwandlerisch sicher wieder
zwischen allen Stühlen! Und das ist jetzt natürlich das Problem.
Wenn man jetzt wieder eine Single macht, dann muß man auch einen
Plan haben, wo können wir das überhaupt platzieren? Nur um sie
zu machen, damit sie ein paar Fans kaufen, das bringt es nicht.
Man müsste erroieren, kann sie überhaupt, wo würde sie überhaupt
im Radio gespielt, können wir ein Video machen? Man kann ein
Video machen, natürlich auch für wenig Geld, wenn man
entsprechende Ideen hat, aber wo läuft das wieder?
Thorsten:
Für mich wäre das immer „Zeit“, das bedient vom Schlagerfan bis
zum Rammsteinfan alle. Das Forum war ja aber da auch schon
geteilt.
Kai Havaii:
Ja genau, das ist eine Mitmachnummer, eine Partynummer – Schluß
aus! Wir spielen sie ja jetzt auch live und ich glaube, dass
funktioniert ganz gut, da werden wir auch wieder sehen, wie das
Feedback ist. Natürlich verfolge ich das mit Interesse im Forum,
aber Du siehst ja auch schon an der Vielfalt der Meinungen,
welche verschiedenen Ansätze es gibt! Die Leute, die sagen: „Ihr
müsst was machen, was richtig provoziert!“, die haben ja auch
nicht ganz Unrecht! Aber wie gesagt: unser Problem ist, dass wir
bei den Medien, speziell beim Rundfunk, keineswegs offene Türen
einrennen, egal mit was wir kommen.
Thorsten:
Wie sieht es bei Dir aus, wenn Du komponierst? Von was lässt Du
Dich leiten? Was ist zuerst da – Text oder Musik?
Kai Havaii:
Ja es ist unterschiedlich. Stefan ist ja die ganze Zeit zu
Gange. Der macht immer irgendwelche Songideen und Pläne und
nimmt sie bei sich dann auf mit Drum-Maschine und ein paar
Gitarren drauf und das schickt er mir dann regelmäßig und ich
krieg dann immer so einen Fundus. Das gehe ich dann durch und
bleibe dann oft bei den Dingen hängen, zu denen mir spontan
irgendwas einfällt. Irgendwas zündet dann bei mir was. Dann
suche ich mir eine Nummer raus und dann entsteht dann ein Text
dazu! So geschehen bei „Ewig singt die Balaleika“. Das ist eine
typische Nummer, wo erst die Musik da ist und dann irgendwie ich
mir das anhöre und in meinem Kopf was abläuft. Meistens so, dass
Worte und Melodie sich bereits ergeben, irgendwie überein
kommen. Dann ist zwar der ganze Text noch nicht fertig, aber
vielleicht eine Hookline, oder so was. Und es gibt andere Fälle,
da ist es dann umgekehrt. „K(ein) Traum“ ist natürlich eine
Nummer, die zuerst so in meinem Kopf entstanden ist, dass ich
eine Atmosphäre vor Augen hatte. Ein bestimmtes Gefühl, dieses
düstere! Und dann setze ich mich ans Keyboard, setze ein
bisschen Keyboard da oben drauf, fummle etwas rum und das ist
dann eine Nummer, die dann wirklich erst im Studio entstanden
ist, vor allem mit dem Schluß. Weil wir haben dann gesagt, „ist
ja alles schön und gut aber wo bleibt jetzt die Band?“. Und dann
war dann die Idee, „dann kommen wir so richtig am Schluß!“. Das
spielen wir jetzt live auch ein bisschen länger, bisschen
extended. Das ist jetzt ein Beispiel, wie es auch mal andersrum
ist.
Thorsten:
Für mich ist jetzt bei dem neuen Album hörbar, wie gut vor allem
die Instrumentalparts sind – bei „Psychokiller“ sind sehr viele
kleine Bausteine drin. Die Gitarre nach dem Opening klingt so
ein bisschen nach „Paradiese City“ von „Guns `n Roses“ usw. Aber
auch die Outros bei „Schönes Lied“ oder eben „K(ein) Traum“.
Wer von Euch beiden, also Stefan und Dir, ist
jetzt primär für die Gesangsmelodie zuständig?
Kai Havaii:
Ja, das bin schon ich. Es ergibt sich. Wenn Stefan mir die
Playbacks schickt, ist da ja keine Gesangsmelodie drauf. Ich
gehe dann immer dann ganz frisch ran und oft kommt dann dabei
was raus, was Stefan auch überrascht „das hätte ich jetzt nicht
gedacht, dass Du es jetzt so machst“. Man probiert aus und sieht
dann, ob was passt oder nicht. „Psychokiller“ ist auch ein
interessantes Beispiel. Da gab es zuerst den Text und ich hatte
eine Vorstellung so mehr in Richtung, fast könnte man sagen,
maliziöse Ballade, weißt Du, sehr böse aber eigentlich auch sehr
leise. Dann hatten wir so rumprobiert und dann hatte ich das
Stefan mal so vorgestellt, aber er „ja, ist ja gut und schön
aber eigentlich könnte es ja auch so eine Nummer sein“. Ja,
vielleicht. Und dann gab es dieses Playback, da hatten wir auch
im Studio schon daran gearbeitet und dann dachte ich, ich
probiere mal einfach den Text auf die Nummer. Ja, und dann kam
das dabei raus. Das war erst nicht so geplant!
Thorsten:
Da war ja gerade im Forum diese Kritik aus der Rheinischen Post
– wie gehst Du allgemein mit Kritik um, wenn es mal wieder um
die Stimme oder das Alter der Band geht oder so.
Kai Havaii:
Ja, manches finde ich ganz interessant, manches finde ich auch
ganz anregend, aber über vieles muß ich ehrlich gesagt auch nur
drüber lachen! Man darf die Dinge auch alle nicht so Ernst
nehmen. Gerade bei uns ist es nun mal so, wir haben nicht viel
zu verlieren! Wir bemühen uns da wirklich, ganz locker zu
bleiben. Gerade was so Hasskritiken gibt, wo es ja auch eine
ganze Menge gibt, da muß ich schon sagen, dass hat für mich was
komisches! Ich finde das manchmal komisch, wie manche Leute auf
Extrabreit reagieren. Man könnte denken, wir haben denen das
ganze Leben versaut! (lacht!) Ich versuche das wirklich mit
Humor zu nehmen, wobei ich nicht verhehlen möchte, dass es auch
die eine oder andere Sache gibt, wo man kurz schluckt und denkt
„mmh, das war aber jetzt gemein!“. (lacht) Ja, aber wirklich
Ernst nehme ich das nicht! Es gibt wirklich viel ernstere Dinge
im Leben! Obwohl wir das ja irgendwie als Beruf auffassen und
wirklich was erreichen wollen, aber es gibt wirklich viel
ernstere Dinge im Leben als, sage ich mal, ein paar Musikstücke
zu machen, und deshalb kann ich mich über so was nicht wirklich
aufregen. Ich habe keine schlaflosen Nächte deswegen!
Thorsten:
Manches, das mit den alten Säcken oder so ist ja auch nicht
sachlich.
Kai Havaii:
Nein, auch Textzeilen völlig aus dem Zusammenhang reißen und
dann drunter schreiben, „das ist grenz-debil“, das geht nicht.
Thorsten:
Bist Du mit den letzten Veröffentlichungen, also den DVDs oder
„Frieden“ zufrieden?
Kai Havaii:
Mit „Frieden“ bin ich natürlich zufrieden, weil ich weiß, unter
welchen Umständen die Platte entstanden ist. Um es mal ganz klar
zu sagen: natürlich ist ein besserer Sound denkbar. Natürlich,
aber dafür hat die Platte einen eigenen Sound, der ist
vielleicht für manche Leute etwas gewöhnungsbedürftig, aber man
kann nun nicht sagen, dass es überhaupt keinen Sinn macht und
dass es nicht Hand und Fuß hat. Aber ich könnte mir natürlich
vorstellen, wenn es mal dazu kommt, dass wir eine neue Platte
machen, dass wir da natürlich versuchen auf eine bisschen
anderen Standard zu kommen. Mit der DVD bin ich ehrlich gesagt
auch nur sehr eingeschränkt zufrieden. Ich kann nicht sagen,
dass ich damit zufrieden bin. Ich finde den Sound zwar gut, aber
ich finde die Kameraarbeit zum Teil überhaupt nicht gut. Das
waren doch in Hamburg doch eher Leute, die ganze Art und Weise
wie da rangegangen wurde, erinnert mich doch eher an Rockpalast
aus den Siebzigern. Da ist mir zu wenig Bewegung drin, zu wenig
interessante Einstellungen, zuwenig Closeups und solche Sachen.
Ich meine, die Mädels, die das in Dortmund geschnitten haben,
die haben sich alle Mühe gegeben, die haben wirklich versucht,
dass beste draus zu machen, damit das ganze auch ein wenig Tempo
hat. Aber ich denke mal, das ist auch grundsätzlich, so wie das
ganze aufgezogen war ist es von der Kameraarbeit und von der
Regie nicht wirklich befriedigend. Da wäre man, glaube ich, der
ganzen Sache mehr gerecht geworden, wenn man auch nur mit drei
oder vier DV-Kameras in einem Club gedreht hatte. Da hätte man
mehr Atmosphäre bekommen als dadurch. Ich denke, da ist absolut
noch Luft nach oben. Ob wir da in der Richtung noch mal was
machen, weiß ich nicht, aber wenn, dann sähe das anders aus.
Thorsten:
Die DVD lebt von den Einspielern aus Hagen. Die machen noch viel
aus!
Kai Havaii:
Ja, genau! |